Wie Menschen aufeinander zugehen und wieder voneinander weg, ist keine Frage des Charakters. Es folgt einer kleinen Zahl von Mustern, die zuerst an Kindern gemessen und später bei Erwachsenen wiedergefunden wurden. Dieses Kapitel zeichnet die vier Muster und zeigt in zehn illustrativen Szenarien, wie jedes auf jedes treffen kann. Dann die Schleife, in die zwei davon geraten können. Am Ende das populäre Modell von Narzisst und Empath, das als Modell markiert ist, weil es genau das ist.
John Bowlbys Gedanke war einfach und in den fünfziger Jahren unerwünscht: Das Bedürfnis eines Kindes nach Nähe ist kein Nebenprodukt des Gefüttertwerdens, sondern ein eigenes System, so grundlegend wie Hunger. Mary Ainsworth machte es messbar. In ihrer fremden Situation wird ein kleines Kind für wenige Minuten von der Mutter getrennt und dann wieder mit ihr zusammengebracht und was sich als aussagekräftig erwies, war nicht das Weinen während der Trennung, sondern das Verhalten beim Wiedersehen.
Es zeigten sich drei Muster, später ein viertes. Manche Kinder suchten Kontakt, ließen sich beruhigen und spielten weiter. Manche protestierten laut und waren dann nicht zu beruhigen, stießen die Mutter weg und klammerten gleichzeitig. Manche taten, als sei nichts gewesen. Sie wandten sich dem Spielzeug zu, während ihre Herzrate etwas anderes sagte. Eine vierte Gruppe zeigte gar keine Strategie, erstarrte oder näherte sich rückwärts.
1987 fragten Cindy Hazan und Phillip Shaver, ob Erwachsene in der Liebe dasselbe tun. Im Groben tun sie es. Bartholomew und Horowitz sortierten die erwachsene Fassung dann in die beiden Achsen, die hier verwendet werden: wie viel Angst vor dem Verlassenwerden besteht und wie viel Abstand gehalten wird, damit es nicht darauf ankommt. Die drei Reiter dieser Gruppe ruhen auf diesen zwei Linien.
Klicken Sie ein Feld an. Die Achsen sind stufenlos, die Kästchen sind eine Lesehilfe.
Fast niemand sitzt in einer Ecke. Beide Achsen werden auf Skalen gemessen und die meisten landen irgendwo in der Mitte mit einer Neigung. Sich in ein Kästchen zu lesen und dort zu bleiben, ist ein naheliegender Fehler im Umgang mit diesem Modell. Die Zeile Mögliche Einflüsse nennt Annahmen der Bindungstheorie, keine Rückschlüsse auf die Kindheit eines einzelnen Menschen. Fragebogen und Interview zur Bindung messen Verschiedenes (im Mittel r = 0,09, zehn Studien mit insgesamt 961 Personen; Roisman u. a. 2007). Auch die kindliche Desorganisation ist nicht dasselbe wie der erwachsene ängstlich-vermeidende Stil im Fragebogen (Granqvist u. a. 2017).
Zwei Studien, zwei Methoden, zwei Antworten. Die Spanne ist die eigentliche Aussage.
So lesen Sie das Diagramm. Jeder Balken ist eine Erhebung und ergibt zusammen 100 Prozent der Befragten. Die drei Farbtöne sind die drei Bindungsmuster; was übrig bleibt, steht als Rest. Je mehr Platz ein Farbton einnimmt, desto größer ist dieser Anteil der Befragten.
Hazan und Shaver führten ihre Erhebung als Fragebogen in einer Zeitung durch, die Stichprobe wählte sich also selbst aus (die Prozentwerte beruhen auf 574 gültigen Antworten). Der National Comorbidity Survey arbeitete mit einer repräsentativen Stichprobe der Vereinigten Staaten. Seine drei Anteile ergeben 95 Prozent; die übrigen etwa 5 Prozent sind als Rest ausgewiesen, aus den gerundeten Anteilen abgeleitet (nach einer Sekundärquelle waren 4,5 Prozent nicht klassifizierbar). Beide verwendeten drei Kategorien statt vier. Was hier vermeidend heißt, ist die ungeteilte Kategorie der Dreiermodelle: Wer sie wählt, kann im Vierfeldermodell zu beiden vermeidenden Gruppen gehören. Die Jahreszahlen nennen das Erscheinen der Veröffentlichung. Die Zahlen hängen am Messinstrument und jede Tabelle mit einer Nachkommastelle verspricht mehr, als sie halten kann.
Wählen Sie eine Paarung. Am Telefon zuerst das eigene Muster, dann das des anderen.
Illustration, keine Messung. Die zehn Texte sind Gesprächsszenarien, die dieses Kapitel aus dem Zwei-Achsen-Modell ableitet. Sie zeigen keine gemessene Reibung und keine Prognose: Wie häufig eine Paarung vorkommt und wie stabil oder zufrieden eine solche Beziehung verläuft, lässt sich aus dieser Darstellung nicht ablesen. Zwei ängstliche Menschen können vierzig Jahre glücklich sein und zwei sichere können einander langweilen. Gemessen ist der durchschnittliche Zusammenhang zwischen der eigenen Bindung und der eigenen Zufriedenheit; er steht im Reiter Was hält stand und ist ein Mittelwert über viele Menschen, keine Aussage über eine einzelne Paarung.
Sechs Schritte und jeder ist eine vernünftige Antwort auf den vorigen.
Von innen verhält sich in dieser Schleife niemand unvernünftig. Nachsetzen ist ein Reparaturversuch, Rückzug ist ein Regulierungsversuch. Zur Falle wird es dadurch, dass jeder sein eigenes Problem löst, indem er das des anderen erzeugt.
Sechs Runden desselben Gesprächs. Es kommt nichts Neues dazu, nur die Schwelle sinkt. Eigene Illustration, keine Messwerte.
Die Kurven sind eine Illustration dieses Kapitels, keine gemessenen Verläufe. Nachsetzen und Rückzug beschreiben ein Kommunikationsmuster in Paarbeziehungen und sind nicht dasselbe wie Missbrauch. Wo Kontrolle, Drohungen oder Gewalt dazugehören, erklärt dieses Muster sie nicht (siehe den praktischen Hinweis am Ende des Reiters Was hält stand).
Bindungsmuster, Zug, Diagnose, Etikett. Die meisten Streits über diese Wörter sind Streits über die Ebene.
Wie ein Mensch Nähe und Abstand regelt. Zwei Achsen, vier Felder, alles dazwischen besetzt. Über die Zeit mäßig stabil und über Jahre veränderbar (siehe Reiter Danach). Das ist die Ebene der ersten drei Reiter.
Wie jemand allgemein ist, auch außerhalb von Beziehungen. Fünf große Dimensionen decken das meiste ab: Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und emotionale Labilität. Narzissmus als Zug gehört hierher, verteilt wie Körpergröße, ohne Grenze zwischen hat und hat nicht.
Beschreibungen mit Kriterien, gestellt von einer Fachperson, die den Menschen gesehen hat. Erst auf dieser Ebene ist der Satz „er hat X“ überhaupt sinnvoll und dort ist X nach den vorliegenden Erhebungen nicht häufig. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung liegt hier.
Empath, Energievampir, toxisch, Soziopath im Alltagsgebrauch. Weit verbreitet, oft treffend gemeint, aber ohne Definition, ohne Grenze und ohne Prüfmöglichkeit. Nützlich zum Sortieren der eigenen Erfahrung, unbrauchbar als Aussage über einen anderen Menschen.
Was jedes ist und womit es meistens verwechselt wird.
Strategisches Ausnutzen anderer, ohne die Grandiosität des Narzissmus. Wer hoch liegt, plant langfristig, hält Informationen zurück und hält Moral für ein Instrument. Zusammen mit Narzissmus und Psychopathie bildet er die dunkle Triade, deren gemeinsamer Kern geringe Verträglichkeit ist.
Abgrenzung: Wird mit Narzissmus verwechselt. Im Schwerpunkt geht es beim Narzissmus eher um Bewunderung, beim Machiavellismus eher um Strategie und Gewinn; als Aussage über einen einzelnen Menschen taugt das nicht.
Impulsivität, geringe Furcht, wenig Reue, hohe Risikobereitschaft. Als Zug in der Bevölkerung verteilt und nicht mit der Diagnose gleichzusetzen.
Abgrenzung: Wird mit Kälte verwechselt. Vermeidende Bindung kann ähnlich aussehen, wird aber anders beschrieben, nämlich als Strategie der Selbstregulation statt als geringe Furcht und wenig Reue. Von außen lässt sich beides nicht sicher unterscheiden.
Starke Verlassenheitsangst, schnelle Umschwünge in der Bewertung anderer, Impulsivität, oft Selbstverletzung. Als Borderline-Persönlichkeitsstörung beschrieben.
Abgrenzung: Wird mit dem verletzlichen Narzissmus verwechselt, weil beide gekränkt und heftig wirken. In den Beschreibungen liegt der Schwerpunkt beim emotional instabilen Muster eher auf dem Verlassenwerden, beim verletzlichen Narzissmus eher auf dem Bild von sich selbst. Im Einzelfall überlappt beides, und die Unterscheidung trifft eine Fachperson.
Entscheidungen werden anderen überlassen, Unterordnung aus Angst vor Ablehnung, große Angst vor dem Alleinsein. Als abhängige Persönlichkeitsstörung beschrieben.
Abgrenzung: Eine mögliche Entsprechung zu einem Teil dessen, was populär Empath heißt (Deutung dieses Kapitels, keine geprüfte Zuordnung). Deshalb ein wichtiger Eintrag in dieser Liste.
Nähe wird gewünscht und aus Angst vor Ablehnung vermieden. Als ängstlich vermeidende Persönlichkeitsstörung beschrieben.
Abgrenzung: Wird mit dem vermeidenden Bindungsmuster verwechselt. Beim abweisend-vermeidenden Muster wird Nähe eher abgewertet, hier wird sie gewünscht und aus Angst vor Ablehnung gemieden. Das sind Beschreibungen, keine Trennlinien: Die Muster überlappen, und eine Diagnose stellt nur eine Fachperson.
Stammt aus der Suchtarbeit und beschreibt, jemanden auf eigene Kosten zu versorgen und dabei sein Verhalten mitzutragen. Kein Diagnosebegriff, uneinheitlich gemessen.
Abgrenzung: Nach Einschätzung dieses Kapitels (Deutung) der nächste Nachbar des Empathen und ein Begriff, der die eigene Beteiligung benennt statt sie zu adeln.
Ein Temperamentsmerkmal mit veröffentlichter Skala: mehr Verarbeitungstiefe, schnellere Reizüberflutung, stärkere Reaktion auf Feines. Eine Untersuchung fand grob ein Drittel wenig, zwei Fünftel mittel und ein knappes Drittel stark ausgeprägt; die ältere Schätzung lag bei einem Fünftel.
Abgrenzung: Wird mit Empathie gleichgesetzt. Es ist etwas anderes: Empfindlichkeit für Reize, nicht Ausrichtung auf andere Menschen.
Narzissmus als Persönlichkeitszug. In der Bevölkerung verteilt wie andere Züge auch, mit Skalen, die eine agentische Form (Dominanz, Selbstdarstellung, Auftreten) von einer antagonistischen (Ausnutzen, Abwerten) und einer neurotischen oder vulnerablen (Überempfindlichkeit, Abwehr, brüchiges Selbstbild) trennen. Das populäre Bild vermischt die drei meistens.
Narzisstische Persönlichkeitsstörung. Eine Diagnose mit Kriterien, gestellt von einer Fachperson, die den Menschen gesehen hat. Grandiose und vulnerable Ausprägungen sind beide beschrieben.
Empathie. Wird als mehrere getrennte Dinge gemessen, nicht als eines: Perspektivübernahme, mitfühlende Anteilnahme und eigener Distress. Wer bei Anteilnahme und eigenem Distress hoch liegt, liest andere schnell und kann deren Zustand schwer vom eigenen trennen. Das ist das Messbare, das dem populären Empathen am nächsten kommt.
Sensibilität. Sensory Processing Sensitivity ist ein Temperamentsmerkmal mit veröffentlichter Skala und hängt mit dem Obigen zusammen, ohne dasselbe zu sein.
Zwei feste Typen, die einander finden. Einer nimmt, einer gibt, angezogen wie von einem Naturgesetz. Keine der beiden Hälften ist eine Kategorie in einem diagnostischen Manual und kein geprüftes Instrument sortiert Menschen in sie hinein.
Ein einziger Schuldiger. Das Modell legt die gesamte Handlungsmacht auf eine Seite. Das macht es befriedigend und zugleich unzuverlässig: Verwendet wird es meist im Nachhinein, von der verletzten Person, über jemanden, der nicht anwesend ist, um beurteilt zu werden.
Eine feste Abfolge von Phasen. Viele erkennen die Abfolge wieder, deshalb hat sie sich verbreitet. Eine Übersicht von 2025 stellte fest, dass sie in der Fachliteratur fast nicht vorkommt. Sie plädierte dafür, den Begriff erst zu definieren und zu prüfen, statt ihn vorauszusetzen.
Jeder Punkt ist ein Erwachsener. Die sechs gefüllten Punkte zeigen die gerundete Schätzung einer einzelnen Erhebung (Lebenszeit, DSM-IV-Kriterien). Sie sind weder eine Obergrenze noch eine aktuelle Häufigkeit.
Eine große US-Erhebung, die zweite Welle der NESARC-Studie mit 34.653 persönlichen Interviews (2004 bis 2005, Erwachsene aus der nichtinstitutionalisierten Bevölkerung; Stinson u. a. 2008), schätzte die Lebenszeitprävalenz nach den Kriterien des DSM-IV auf 6,2 Prozent, 7,7 bei Männern und 4,8 bei Frauen. Gezählt wurde, wenn mindestens ein Kriterium zu sozialen oder beruflichen Beeinträchtigungen geführt hatte. Frühere Erhebungen nannten Werte von 0,0 bis 14,7 Prozent; die Autoren sehen ihren Wert in der Mitte dieser Spanne. Andere Verfahren ergeben andere Werte: Eine spätere Auswertung der NESARC-Daten, in der ein Kriterium nur bei deutlicher Belastung oder Beeinträchtigung zählte, kam bei allen Persönlichkeitsstörungen zusammen auf 9,1 statt 21,5 Prozent (Trull u. a. 2010; der Wert für die narzisstische Persönlichkeitsstörung allein wurde hier nicht gelesen). Das DSM-5 wird in Sekundärquellen mit einer Spanne von 0 bis 6,2 Prozent in der Allgemeinbevölkerung zitiert; sie geht auf sieben ältere Gemeindestudien mit einem Mittel von 1,06 Prozent zurück (Dhawan u. a. 2010) und ist keine Obergrenze. Die Zahl gilt für eine Diagnose, nicht für den Persönlichkeitszug. Wie viele der Menschen, auf die eine Beschreibung zutrifft, tatsächlich eine Störung haben, hängt von der Basisrate und davon ab, wie gut die Beschreibung zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen unterscheidet. Eine Alltagsbeschreibung ist kein geprüftes Testverfahren, und selbstbezogenes, verletzendes oder anstrengendes Verhalten hat viele mögliche Ursachen. Das Etikett erklärt deshalb oft weniger, als es scheint.
Verbreitete Beschreibungen, keine validierte Checkliste und nicht aus einer einzelnen Studie abgeleitet. Muster über die Zeit, keine einzelnen Momente. Jeder tut manches davon gelegentlich.
In der Forschung agentisch und antagonistisch genannt. Das ist das Bild, das die meisten meinen.
Egal wo es anfängt, nach zwei Zügen geht es wieder um ihn. Nicht als Unterbrechung, sondern als freundliche Umleitung. Wer mitzählt, merkt, dass die eigene Geschichte selten zu Ende erzählt wird.
Lob wirkt nicht wie Freude, sondern wie Auftanken. Bleibt es aus, kippt die Stimmung schneller, als der Anlass hergibt.
Wartezeiten, Absprachen, Zusagen sind verhandelbar, sobald sie im Weg stehen. Die Begründung dafür kommt sofort und wirkt sogar plausibel.
Andere landen auffällig schnell in nützlich oder unwichtig und die Sortierung ändert sich mit dem Nutzen, nicht mit dem Menschen.
Aus „das hat mich verletzt“ wird binnen eines Satzes „du bist zu empfindlich“ oder „du hast angefangen“. Das Thema wechselt den Besitzer.
In jeder Geschichte über die Vergangenheit ist er der Verkannte, der Übergangene oder der Überlegene. Alle früheren Partner waren schwierig.
In der Forschung neurotisch oder vulnerabel genannt. Es sieht von außen nicht nach Größe aus, sondern nach Kränkbarkeit und wird deshalb oft übersehen.
Statt Großspurigkeit: Schweigen, Rückzug, das Gefühl, ständig übergangen zu werden. Die Wirkung auf das Gegenüber ist dieselbe, nur bittet sie nicht um Bewunderung, sondern um Wiedergutmachung.
Was andere haben, kommt oft und meist als Frage nach Gerechtigkeit. Der eigene Anteil daran kommt selten vor.
Erst war es die Rettung, dann war es zu wenig, zu spät oder falsch gemeint.
Wer sich entschuldigt, bekommt keine Klärung, sondern eine neue Rechnung. Ein Streit endet nicht, er wird gestundet.
Zuwendung löst zuerst Misstrauen aus. Die Frage ist nicht, ob es guttut, sondern was es kostet.
Kein diagnostischer Begriff. Was sich messen lässt, sind hohe mitfühlende Anteilnahme, hoher eigener Distress und meist ein ängstliches Bindungsmuster dazu.
Man weiß, wie es dem anderen geht, bevor man weiß, wie es einem selbst geht. Das ist eine echte Fähigkeit und zugleich die Stelle, an der die eigene Wahrnehmung ausfällt.
Zugesagt wird, bevor der eigene Kalender gefragt wurde. Das Nein kommt später und kostet dann Erklärungen.
Für Stimmungen, für Konflikte, auch für solche, an denen man nicht beteiligt war. Die stille Annahme lautet, dass es an einem selbst liegt, wenn es unangenehm ist.
Fremdes Leid erzeugt nicht nur Mitgefühl, sondern eigene Erregung, die sich schwer abstellen lässt. Genau hier trennt die Forschung zwei Dinge, die im Alltag Empathie heißen.
Nach Gesellschaft ist man leer, ohne dass etwas Schlimmes passiert wäre.
Ein Nein wirkt nicht wie Selbstschutz, sondern wie Verrat. Deshalb wird es so selten gesagt.
Den anderen aus der Ferne einzuordnen ist unzuverlässig, auch dann, wenn man ihn gut kennt. Die eigene Erfahrung ist zugänglicher, weil man sie direkt beobachten kann. Die folgenden Fragen sind eine eigene Zusammenstellung dieses Kapitels und keine validierte Skala. Sie haben keine feste Reihenfolge und sagen nichts darüber, welches Etikett passt. Die damit beschriebenen Erfahrungen können auf eine belastende Dynamik hinweisen, kommen aber auch aus anderen Gründen vor.
Erstens. Geht man Gespräche danach noch einmal durch und versucht herauszufinden, was gerade passiert ist? Das kommt in jeder Beziehung und bei vielen Belastungen vor; geschieht es häufig und lange, kann es ein Hinweis sein.
Zweitens. Erzählt man Freunden mildere Versionen, nicht aus Loyalität, sondern weil die wirkliche Version beim Aussprechen zu deutlich klingen würde?
Drittens. Wird die eigene Wahrnehmung verhandelbar? Beginnt man Sätze mit „vielleicht bilde ich mir das ein“, auch bei Dingen, die man gehört hat?
Viertens. Wird man in der eigenen Erzählung kleiner? Kommt vor, was man kann, seltener vor und was man falsch macht, öfter? Wer das an sich bemerkt, hat eine Beobachtung, die ernst zu nehmen ist, und sie hängt nicht davon ab, ob der andere eine Diagnose hätte. Sie ersetzt keine Beratung.
Selbstbewusstsein, Erfolg, ein gepflegtes Auftreten oder gern fotografiert zu werden. Das sind Eigenschaften, keine Muster.
Dass jemand einen verletzt hat. Menschen verletzen einander aus vielen Gründen, etwa aus Angst, Unachtsamkeit, Überforderung und Feigheit. Eine Persönlichkeitsstörung ist nur einer davon.
Dass jemand wenig redet, wenig zeigt oder Nähe schwer aushält. Das kann zu einem vermeidenden Bindungsmuster passen, und das ist etwas anderes.
Eine Liste im Internet, die auf einen früheren Partner passt. Solche Listen sind so geschrieben, dass sie auf fast jeden passen; das ist derselbe Mechanismus, den das Kapitel Horoskop am Forer-Effekt zeigt.
Umgekehrt gilt: Wer sich hier als Empath wiedererkennt, hat noch keine Tugend nachgewiesen. Grenzenlosigkeit ist keine Güte und die Rolle des Gegenstücks ist bequem, weil sie den eigenen Anteil an der Dynamik unsichtbar macht.
Die Annahme, Narzissten könnten andere grundsätzlich nicht lesen, ist durch die Gruppenbefunde nicht gedeckt, die Gegenannahme aber auch nicht. In drei Studien mit nichtklinischen Stichproben (N = 282, 95 und 88; Hepper, Hart und Sedikides 2014) hing der maladaptive Anteil von Narzissmus (Anspruchsdenken, Ausbeutung, Exhibitionismus) ohne besondere Anweisung mit geringerer Empathie für eine leidende Person zusammen (Selbstbericht, Herzrate). Wurden die Teilnehmenden in zwei dieser Studien angewiesen, sich in die Person hineinzuversetzen, war dieser Zusammenhang statistisch nicht mehr nachweisbar. Die Autoren folgern, geringe Empathie sei hier keine Unfähigkeit, können aber Fähigkeit mit Anstrengung, fehlende und vermeidende Motivation nicht trennen. Zu einer diagnostizierten narzisstischen Persönlichkeitsstörung sagen die Studien nichts.
Eine neuere Untersuchung (Shahri u. a. 2024; N = 87, gesunde Studierende im Iran, nach einem Fragebogen in eine Gruppe mit hohen und eine mit niedrigen Werten sortiert) fand im Selbstbericht keinen Unterschied in der Perspektivübernahme, aber ein geringeres Mitfühlen. In einer Aufgabe schnitten Personen mit hohen Werten bei der Zuschreibung von Gefühlen schlechter ab, bei der Zuschreibung von Schmerz zeigte sich kein Gruppenunterschied. Die affektiven Teilmaße lagen durchgehend niedriger. Die Stichprobe war klein und bestand aus zwei Extremgruppen mit ungleichem Frauenanteil; die Autoren fordern Wiederholungen auch bei Menschen mit der Störung.
An 47 stationär behandelten Patientinnen und Patienten mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung und 53 gesunden Kontrollen fand eine Studie eine geringere emotionale Empathie, während die Erkennung von Emotionen sich nicht unterschied (Ritter u. a. 2011). Auch hier handelt es sich um eine kleine, stationäre Stichprobe mit vielen Zusatzdiagnosen, und die Studie hat keine Anweisung zur Perspektivübernahme geprüft. Die Experimente an nichtklinischen Gruppen lassen sich deshalb nicht auf Patienten übertragen.
Zusammen gelesen: In Gruppen mit erhöhten Narzissmuswerten hängt geringere Empathie teils davon ab, ob zur Perspektivübernahme angeleitet wird, und das affektive Mitfühlen ist in mehreren Studien geringer. Die Fähigkeiten, Absichten oder Veränderungsbereitschaft einer einzelnen Person lassen sich daraus nicht ableiten, und es folgt daraus keine Prognose darüber, ob ein bestimmtes Gespräch gelingt.
Über Menschen mit narzisstischem Muster wird vieles gesagt, das einleuchtet und oft wiederholt wird. Hier steht, was sich dazu in Studien finden ließ (Websuche, keine Fachdatenbank; Stand 7. Oktober 2026). Zwei Hinweise vorab. Fast alle hier gelesenen Studien messen Narzissmus als Persönlichkeitszug mit Fragebögen, meist an Studierenden oder an online geworbenen Erwachsenen. Sie beschreiben Gruppenmittel, nicht „die Narzissten“ und nicht einen bestimmten Menschen. Und sie unterscheiden die grandiose Ausprägung (die laute Seite) von der vulnerablen (die leise Seite); was für die eine gilt, gilt für die andere oft nicht.
Wo eine Aussage in dieser Recherche nicht an Studien geprüft werden konnte, steht sie als Populäres Modell. Das ist eine vorläufige Einstufung und kein Urteil darüber, ob etwas daran ist.
Jede Stufe gilt für die Aussage so, wie sie in der Zeile steht. Die Zahlen sind Zusammenhänge in Gruppen, keine Ursachen und keine Regeln für den Einzelfall. Die vollständigen Quellenangaben stehen im Reiter Was hält stand.
Drei Bilder werden über Menschen mit narzisstischem Muster besonders oft erzählt: dass es bei Männern und bei Frauen typisch verschieden aussehe, dass sie emotional wie Kleinkinder reagierten und dass sie ständig Bestätigung von außen brauchten. Hier steht, was sich dazu in Studien finden ließ (Websuche, keine Fachdatenbank; Stand 15. Oktober 2026; die Recherche vom 7. Oktober wird dadurch ergänzt, nicht ersetzt). Die beiden Hinweise vom Beginn des vorigen Abschnitts gelten weiter: Die meisten der hier gelesenen Studien messen Narzissmus als Persönlichkeitszug mit Fragebögen, meist an Studierenden oder an online geworbenen Erwachsenen, und beschreiben Gruppenmittel, nicht „die Narzissten“ und nicht einen bestimmten Menschen; und sie trennen die grandiose Ausprägung (die laute Seite) von der vulnerablen (die leise Seite). Zwei Arbeiten fallen aus dem Rahmen: Eine betrifft Patientinnen und Patienten einer ambulanten Einheit für Gefühlsregulierung (Blay u. a. 2024), eine andere Kinder von sieben bis zwölf Jahren (Brummelman u. a. 2015). Bei einigen Arbeiten wurde nur der Abstract gelesen; das steht jeweils dabei.
Die Wendungen sind so gelesen, wie sie im Alltag fallen. „Emotionales Kleinkind“ heißt dabei: Wut, Schmollen oder Zusammenbruch bei Kritik und Verzicht und die Erwartung, dass andere die eigenen Gefühle auffangen. „Ständige Bestätigung von außen“ heißt: Lob, Bewunderung und Zuspruch suchen und sich ohne sie schlecht fühlen. Das sind Lesarten und keine Zitate; wer die Wendungen anders meint, findet die Belege trotzdem unten einzeln. Die vier Szenen im Abschnitt „Männer und Frauen“ sind erfunden. Sie zeigen verbreitete Beschreibungen, keine Messungen, und sie sind kein Muster: Ein Muster zeigt sich erst über Monate und in mehreren Beziehungen, und jeder Mensch verhält sich gelegentlich so.
Jede Stufe gilt für die Aussage so, wie sie in der Zeile steht. Die Zahlen sind Unterschiede und Zusammenhänge in Gruppen, keine Ursachen und keine Regeln für den Einzelfall. Die Stufen sind Vorschläge. Die vollständigen Quellenangaben stehen im Reiter Was hält stand, die Erläuterungen in den drei Abschnitten darunter.
Gemessen. Mittlerer Unterschied im Narzissmus in Standardabweichungen (d), Männer minus Frauen, nach der Metaanalyse von Grijalva u. a. (2015; nach dem Abstract gelesen). Strich in der Mitte: kein Unterschied. Balken nach rechts: Männer im Mittel höher. Balken nach links: Frauen im Mittel höher. Gestrichelt: d = ±0,20, die Konvention für „klein“.
Unterschied im Narzissmus, Männer minus Frauen, in Standardabweichungen (d). 0 = kein Unterschied; die gestrichelten Linien markieren je 0,2.
Die drei mittleren Zeilen sind Teilbereiche des verbreiteten Fragebogens Narcissistic Personality Inventory (in der Studie: Exploitative/Entitlement, Leadership/Authority, Grandiose/Exhibitionism). Der Unterschied war über die Jahrgänge amerikanischer Studierender von 1990 bis 2013 und über Altersgruppen hinweg stabil. In einer zweiten Untersuchung mit 19.001 Personen erklärte Messverzerrung die Unterschiede in den Teilbereichen nicht. Die Autoren warnen davor, kleine Unterschiede zur Stützung von Geschlechterklischees zu nutzen.
Eigene Illustration und Modellrechnung, keine Messung und nicht aus der Studie. Zwei Glockenkurven im Abstand von 0,26 Standardabweichungen. Sie setzen Normalverteilungen mit gleicher Streuung voraus, was bei Fragebogenwerten nur näherungsweise gilt.
Daraus folgt rechnerisch: Zieht man zufällig einen Mann und eine Frau, hat in rund 57 von 100 Paaren der Mann den höheren Wert und in rund 43 die Frau. Die beiden Verteilungen überlappen zu rund 90 Prozent. Rechnung: Anteil der Paare mit höherem Männerwert = Φ(d / √2) = 0,573; Überlappung = 2 · Φ(−d / 2) = 0,897; Φ ist die Verteilungsfunktion der Standardnormalverteilung. Mit anderen Verteilungen und Streuungen ergeben sich andere Werte.
Das Ergebnis steht nicht allein. Eine spätere Untersuchung mit acht Messverfahren (Weidmann u. a. 2023; nur der Abstract gelesen) fand in ihrer ersten Studie (5.736 Personen) und in ihrer zweiten (zusammen 270.029 Personen) durchgehend höhere Werte bei Männern. Wie groß der Unterschied war, hing vom Messverfahren ab; eine einzelne Zahl steht hier deshalb nicht.
Einzelne Stichproben weichen ab. Bei 328 Erwachsenen, vor allem online geworben (176 Frauen, 152 Männer), lagen Frauen im vulnerablen Narzissmus deutlich höher (Mittelwerte 2,79 gegen 1,99 im Pathological Narcissism Inventory); im grandiosen nennt die Zusammenfassung der Studie höhere Werte bei Männern, im berichteten Test der Skala war der Unterschied nicht signifikant (2,74 gegen 2,82; Green u. a. 2024, in einer Repositoriumsfassung gelesen). Die Metaanalyse fand beim vulnerablen Narzissmus über 42 Stichproben keinen Unterschied. Für die Frage nach dem Durchschnitt trägt die Metaanalyse mehr, weil sie viele Stichproben zusammenfasst. Die einzelne Studie zeigt, dass der Unterschied je nach Erhebung anders ausfallen kann; sie wertet nur Selbstberichte einer online geworbenen Stichprobe aus.
Eine Form, die sich über Hilfsbereitschaft aufwertet. Der kommunale Narzissmus zielt nicht auf Macht und Auftreten, sondern darauf, als besonders hilfsbereit und gütig zu gelten (Beispiel aus dem Fragebogen: „Ich bin der hilfsbereiteste Mensch, den ich kenne“). Gebauer u. a. (2012) berichten fünf Studien mit 16 Stichproben, überwiegend Gelegenheitsstichproben mit rund 78 Prozent Frauen unter den Teilnehmenden mit angegebenem Geschlecht. In Studie 2 (etwa 2.350 Personen, nach den Freiheitsgraden berechnet) unterschieden sich Männer und Frauen im kommunalen Narzissmus nicht (Männer 3,80, Frauen 3,78; p = 0,72), obwohl der klassische Narzissmusfragebogen derselben Studie bei Männern höher lag (in einer Autorenfassung gelesen). Für das Bild „Männer laut, Frauen leise“ ist das ein Gegenbeispiel: Eine Form, die nicht auf Macht und Auftreten zielt, zeigt in dieser Studie keinen Geschlechtsunterschied.
Die Vermutung, Narzissmus bei Frauen sei unsichtbarer. Gelegentlich heißt es, Narzissmus von Frauen sei weniger sichtbar und Fragebögen erfassten ihn schlechter. Green und Hart (2024) nennen das in der Einleitung ihrer Studie als Vermutung; ein Ergebnis dazu enthält die Studie nicht. Sie untersuchte 314 Frauen in Großbritannien (Selbstbericht, Querschnitt, nur Frauen, kein Vergleich mit Männern; Abstract und Text gelesen). Vulnerabler Narzissmus hing dort mit körperlichem, verbalem und indirektem Mobbing zusammen (r = 0,23, 0,28 und 0,19), grandioser mit 0,14, 0,20 und 0,11; im gemeinsamen Modell sagte nur der vulnerable Narzissmus körperliches und verbales Mobbing voraus. Für Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt die Studie nichts her.
Was daraus folgt. Gemessen ist ein kleiner Unterschied im Mittel, am ehesten bei Anspruchsdenken und Führungsanspruch, keiner beim vulnerablen Narzissmus in der Metaanalyse, mit starker Überlappung und mit Abweichungen in einzelnen Stichproben. Für einen einzelnen Mann oder eine einzelne Frau folgt daraus nichts: Das Geschlecht sagt nicht, ob jemand laut oder leise auftritt (Einordnung dieses Kapitels).
Erfunden, nicht aus Studien gezogen und nicht als häufigste Fälle gewählt. Sie zeigen verbreitete Beschreibungen, keine Messungen. Die vier Szenen sind so verteilt, dass jede Kombination aus Geschlecht und Form einmal vorkommt und jedes der beiden Bilder einmal bei einem Mann und einmal bei einer Frau, weil die Messungen die Zuordnung „Männer laut, Frauen leise“ nicht tragen. Jede Szene kann auch andere Gründe haben, etwa Unsicherheit, Überlastung, Angst oder einen schlechten Tag; eine einzelne Szene zeigt keinen Narzissmus.
Nach seiner Präsentation fragt er drei Leute einzeln, wie sie gewesen sei, und nennt dabei selbst die gelungenen Stellen. Als eine Kollegin eine Zahl auf seiner Folie richtigstellt, wird er scharf und redet den Rest der Sitzung kaum noch mit ihr. Am Abend steht im Team-Chat, wie viel Lob er bekommen habe.
Bezug zu Messungen. Nahe liegen das Streben nach Bewunderung durch Selbstförderung (Back u. a. 2013, selbstberichtete Neigung) und die stärkere Aggression bei hohem Anspruchsdenken nach negativer Rückmeldung (Campbell u. a. 2004, Laborexperiment mit Studierenden). Beides sind Gruppenbefunde und sagen nichts über diese Szene.
Sie beantwortet in der Sitzung jede Frage zu ihrem Bereich, auch die, die an andere gerichtet war. Wird ihr Vorschlag verschoben, sagt sie, dann könne sie für das Ergebnis keine Verantwortung übernehmen, und verlässt den Raum. Danach erzählt sie zwei Kolleginnen, die Geschäftsführung verstehe das Geschäft nicht.
Bezug zu Messungen. Nahe liegen Anspruchsdenken und Führungsanspruch, die Teilbereiche, in denen Männer im Mittel etwas höher liegen, in denen aber auch Frauen Werte haben (Grijalva u. a. 2015), sowie das Abwerten anderer als Facette der Rivalität (Back u. a. 2013). Beides sind Gruppenbefunde und sagen nichts über diese Szene.
Sie schickt ein Dokument ab und fragt am selben Tag zweimal nach, ob es so in Ordnung sei. Bleibt eine Antwort aus, ist sie am nächsten Morgen bedrückt und sagt, sie habe wohl wieder etwas falsch gemacht. Ein kurzes „passt“ der Chefin hebt ihre Stimmung für den Rest des Tages.
Bezug zu Messungen. Nahe liegt ein Selbstwert, der in vielen Bereichen an Bedingungen geknüpft ist, wie er beim vulnerablen Narzissmus gefunden wurde (Zeigler-Hill u. a. 2008, Abstract). Dasselbe Verhalten kommt auch bei Unsicherheit und Angst vor, und eine Tagebuchstudie fand für soziale Rückmeldungen keinen zusätzlichen Zusammenhang mit Narzissmus (Zeigler-Hill u. a. 2010, Abstract); die Szene allein spricht nicht für Narzissmus.
Nach dem Hinweis, das Dokument sei zu spät gekommen, sagt er nichts mehr. Zwei Tage lang schreibt er nur das Nötigste, und im Team geht man vorsichtig mit ihm um. Fragt die Chefin nach, antwortet er, es sei alles in Ordnung, und wartet darauf, dass sie von selbst darauf kommt, was ihn gekränkt hat.
Bezug zu Messungen. Nahe liegen die Unterdrückung von Gefühlen und die depressiven Symptome beim vulnerablen Narzissmus (Loeffler u. a. 2020, Abstract) sowie Ärger und Feindseligkeit, wo schlechtes Gefühlsmanagement in einer Studie nur bei Männern einen Teil der Feindseligkeit erklärte (Czarna u. a. 2021, Abstract). Schweigen und Kränkung allein sind kein Hinweis auf Narzissmus.
In den hier gelesenen Studien wurde keine dieser Verhaltensweisen als Häufigkeit im Alltag gemessen: weder wie oft jemand um Zuspruch bittet noch wie oft jemand schweigt oder laut wird. Die Studien messen Neigungen im Fragebogen und Reaktionen im Labor.
Wie das Bild hier gelesen wird. Gemeint ist hier: Wer so ist, reagiert auf Kritik, Frustration und Verzicht mit Wut, Schmollen oder Zusammenbruch, erwartet, dass andere seine Gefühle auffangen, und kann sie nicht selbst regeln. Das ist eine Lesart dieses Kapitels und kein Zitat. Eine Studie, die erwachsene Menschen mit höheren Narzissmuswerten mit der emotionalen Entwicklung von Kindern vergleicht, wurde hier nicht gelesen; das Bild steht deshalb als Populäres Modell (vorläufig), und das ist kein Urteil darüber, ob etwas daran ist. Gemessen werden Bausteine. Vier davon stehen unten einzeln.
Alle Zahlen sind Gruppenbefunde, überwiegend Selbstberichte. Bei den meisten wurde nur der Abstract gelesen; das steht dabei.
Vulnerabler Narzissmus ging in vier Studien mit mehr Ärger und Feindseligkeit einher (ρ = 0,42), grandioser nicht nachweisbar (Krizan und Johar 2015, siehe die Zeile „Narzissten verlieren die Kontrolle“ oben). Bei 405 Erwachsenen erklärte Neurotizismus einen großen Teil dieses Zusammenhangs; schlechtes Gefühlsmanagement, mit einem Leistungstest gemessen, erklärte die Feindseligkeit nur teilweise, nur bei Männern und nicht den Ärger (Czarna u. a. 2021, Abstract). Gemessen ist Ärger im Fragebogen, nicht der Wutausbruch.
Bei 60 gesunden Erwachsenen (30 Frauen, 30 Männer; Selbstbericht und eine Aufgabe zur Regulierung von Gefühlen) hing keine der beiden Formen mit der Regulierungsfähigkeit zusammen; vulnerabler Narzissmus ging mit mehr Unterdrückung von Gefühlen, depressiven Symptomen und Freudlosigkeit einher, grandioser nicht mit depressiven Symptomen (Loeffler u. a. 2020, Abstract). Bei 183 Patientinnen und Patienten einer ambulanten Einheit, die auf Gefühlsregulierung spezialisiert ist, ging vulnerabler Narzissmus mit geringerem Verstehen der eigenen seelischen Zustände und mit mehr Regulierungsschwierigkeiten einher; Letzteres blieb nach Berücksichtigung von Borderline- und ADHS-Symptomen bestehen, nicht aber nach Berücksichtigung des Mentalisierens. Beim grandiosen Narzissmus bestanden die Zusammenhänge nach Berücksichtigung dieser Symptome nicht mehr (Blay u. a. 2024, Abstract; ausgewählte Patientengruppe, nicht auf die Allgemeinbevölkerung übertragbar).
In einem Laborexperiment (Campbell u. a. 2004, Studie 9; 111 angeworbene Studierende, nach den Freiheitsgraden etwa 107 in der Auswertung) war die Aggression (Lärm in einer Reaktionszeitaufgabe) nach negativer Rückmeldung zu einem Aufsatz bei hohem Anspruchsdenken größer als bei niedrigem (d = 0,39), nach positiver Rückmeldung nicht. Gemessen ist Anspruchsdenken (psychological entitlement), nicht Narzissmus insgesamt, und Verhalten im Labor, nicht im Alltag. Das passt zum Bild der Kränkung durch Kritik.
Bei 565 Kindern von 7 bis 12 Jahren (vier Erhebungen im Abstand von sechs Monaten, Auskünfte von Eltern und Kindern) sagte elterliche Überbewertung späteren Narzissmus der Kinder voraus, mangelnde Wärme nicht (Brummelman u. a. 2015, Abstract); ein Leserbrief fragt, ob der bei Kindern gemessene Narzissmus dem klinisch bedeutsamen Narzissmus Erwachsener entspricht (Kealy u. a. 2015). Bei 120 Erwachsenen hingen sowohl erinnerte elterliche Kälte als auch erinnerte übermäßige Bewunderung mit offenem und verdecktem Narzissmus zusammen (Otway und Vignoles 2006, Abstract); bei 334 Studierenden hing erinnerte geringe Sicherheit mit Anspruchsdenken und Ausnutzen zusammen (Cater u. a. 2011, Abstract). Erinnerungen sind keine Beobachtungen, und Kinder von sieben bis zwölf Jahren sind keine Kleinkinder.
Einordnung dieses Kapitels (keine Messung). Die Metapher fasst zwei Dinge zusammen: starke, schnelle Gefühlsreaktionen auf Kränkung und die Erwartung, dass andere sie auffangen. Das erste lässt sich in Gruppenwerten wiederfinden, vor allem beim vulnerablen Narzissmus (Ärger) und bei hohem Anspruchsdenken (Aggression nach Kritik); das zweite wurde hier nicht als Größe gefunden. Dass Erwachsene mit höheren Narzissmuswerten ihre Gefühle nicht regeln könnten, zeigte sich in der einen gelesenen Stichprobe gesunder Erwachsener (60 Personen) nicht; dort unterschied sich eher die Art, mit Gefühlen umzugehen (Unterdrückung). Als Beschreibung einer Wirkung („so fühlt es sich an, damit umzugehen“) kann das Bild stimmen; als Aussage über den Entwicklungsstand eines Menschen wurde es hier nicht geprüft, und es lädt dazu ein, das Gegenüber zu erziehen, statt mit ihm zu klären, was gerade geschieht. Zur Frage, wie weit sich Narzissten in andere hineinversetzen, siehe den Abschnitt „Was die Forschung zur Empathie sagt“ weiter oben.
Was „Bestätigung“ meinen kann. Das Wort fasst drei Dinge zusammen, die in den Studien getrennt gemessen werden: Bewunderung anstreben, auf Rückmeldung und Zurückweisung reagieren und den eigenen Wert davon abhängig machen. Gemessen sind Neigungen im Fragebogen und Reaktionen im Labor; in den hier gelesenen Studien wurde weder gemessen, wie oft jemand Bestätigung sucht, noch ob jemand ohne sie nicht zurechtkommt. Die Beschreibung „Bewunderung wird gebraucht, nicht genossen“ weiter oben gehört zu den verbreiteten Beschreibungen und ist kein Messwert.
Gruppenbefunde. Bei den meisten wurde nur der Abstract gelesen; das steht dabei.
Back u. a. (2013) unterscheiden zwei Wege: Bewunderung, also Anerkennung durch Selbstförderung (Großartigkeit, Einzigartigkeit, Charme), und Rivalität, also Schutz vor sozialem Scheitern durch Abwehr (Abwerten, Überlegenheit, Aggressivität). In sieben Studien mit 93 bis 1.814 Personen je Studie hingen beide positiv zusammen, hatten aber unterschiedliche Folgen. Die Bewunderungsseite liegt dem Bild am nächsten. Gemessen sind selbstberichtete Neigungen, keine Häufigkeit und kein Bedarf.
Menschen mit höheren Narzissmuswerten waren nach Zurückweisung ärgerlicher und aggressiver, nach Annahme nicht; das galt für selbstberichtete frühere Zurückweisung und für im Labor herbeigeführte, die Aggression richtete sich gegen die zurückweisende Person und gegen eine unbeteiligte dritte, und der Selbstwert trug wenig bei (Twenge und Campbell 2003, vier Studien; nur der Abstract gelesen, Stichprobengrößen dort nicht genannt). Bei hohem Anspruchsdenken war die Aggression nach negativer Rückmeldung größer (Campbell u. a. 2004, siehe oben). In einer anderen Studie war nach einer Beleidigung die Aggression gegen Unbeteiligte niedrig (Bushman und Baumeister 1998, Studie 2); die Befunde stammen aus verschiedenen Anordnungen. Verschiedene Auslöser wurden in denselben Daten nicht verglichen, „Zurückweisung ist der stärkste“ ist also nicht geprüft.
Beim vulnerablen Narzissmus war der Selbstwert in vielen Bereichen an Bedingungen geknüpft („contingent self-worth“), beim grandiosen fiel das Bild gemischt aus (Zeigler-Hill u. a. 2008, Abstract; er nennt weder Stichprobe noch Bereiche). In einer Tagebuchstudie mit 161 Personen sank der Selbstwert an Tagen mit mehr negativen Leistungsereignissen bei höherem Narzissmus stärker; für positive Leistungsereignisse und für positive oder negative soziale Ereignisse zeigte Narzissmus keinen zusätzlichen Zusammenhang (Zeigler-Hill u. a. 2010, Abstract). Das „Masken“-Modell, nach dem hinter einem hohen ausdrücklichen Selbstwert ein niedriger impliziter liegt, fand in einer Übersicht gemischte Befunde (Bosson u. a. 2008, Abstract).
„Narcissistic Supply“. Der Begriff (Bewunderung und Aufmerksamkeit als Treibstoff) wird auf Fenichel (1938) zurückgeführt; das stammt aus einem Lexikonartikel, das Original wurde nicht gelesen. Eine Messgröße dafür wurde in der Websuche nicht gefunden (keine Fachdatenbank); das heißt nicht, dass es keine gibt. Wo im Alltag von „Supply“ die Rede ist, handelt es sich nach diesem Stand um ein Erklärungsmodell aus Klinik und Ratgebern.
Einordnung dieses Kapitels (keine Messung). Dass jemand viel Zuspruch sucht, ist für sich genommen kein Zeichen von Narzissmus: Das Kapitel beschreibt auch beim ängstlichen Bindungsmuster das Bedürfnis nach ausgesprochener Bestätigung (Reiter Wer trifft auf wen). Die brauchbare Frage lautet nicht, ob jemand Bestätigung sucht, sondern bei wem, wofür und was geschieht, wenn sie ausbleibt. Dazu liefern die Versuche mit Rückmeldung und Zurückweisung Anhaltspunkte, und der Befund ist enger, als das Bild es sagt: Er betrifft Reaktionen auf Kritik und Zurückweisung in Gruppen, kein ständiges Bedürfnis.
Sieben Treffen derselben kleinen Gruppe. Die eine Linie ist das Urteil der Gruppe, die andere sein eigenes. Eigene Illustration: Gemessen sind nur das erste und das siebte Treffen.
Gezeichnet, um die Form zweier Befunde zu zeigen, keine gemessenen Kurven. Gemessen wurden nur zwei Zeitpunkte: In einer klassischen Untersuchung (Paulhus 1998, Studie 1, 124 Studierende in Gruppen mit vier oder fünf Mitgliedern) lag der Zusammenhang zwischen Selbstüberhöhung und dem Urteil der Gruppe über die Verträglichkeit nach dem ersten Treffen bei r = 0,24 und nach dem siebten bei r = −0,16 (Selbstwert herausgerechnet). Eine spätere Felduntersuchung mit 126 Studienanfängern trennte die beiden Motoren: Die agentische Seite, die Selbstdarstellung, baut Beliebtheit auf und tut das weiter, während die antagonistische Seite, das Abwerten anderer, den langfristigen Rückgang antreibt. Beide laufen in derselben Person und deshalb ist der erste Eindruck so gut und der vierte Monat so schlecht.
Das Muster hat eine Eigenschaft, die es von gewöhnlicher Rücksichtslosigkeit unterscheidet: Es verbraucht genau das, wovon es lebt. Bestätigung wirkt nur, wenn sie von jemandem kommt, dessen Urteil zählt. Wessen Urteil zählt, der kommt nah genug heran, um die Brüche zu sehen. Wer die Brüche sieht, wird zur Bedrohung und muss kleiner gemacht werden. Und die Abwertung entfernt genau die Person, deren Bestätigung überhaupt gewirkt hätte.
Das ist kein moralisches Urteil, sondern die Beschreibung eines Kreislaufs, der von innen alternativlos aussieht. Von außen sieht man, dass er seinen eigenen Vorrat aufbraucht. Von innen sieht man nur, dass sich die Menschen wieder einmal als enttäuschend erwiesen haben.
Der Abstand ist deshalb kein Nebenprodukt, sondern der Schutz. Wer niemanden nah genug heranlässt, muss niemanden entwerten. Der Preis dafür ist, dass die Bestätigung aus immer größerer Entfernung kommen muss und immer schneller verpufft.
Eine Querschnittsstudie mit drei Stichproben von Menschen in Beziehungen (zusammen 531 Personen; Campbell und Foster 2002) fand einen negativen Zusammenhang zwischen Narzissmus und Bindungsbereitschaft (r = −0,20, −0,25 und −0,20). Er hing vor allem mit den wahrgenommenen Alternativen zusammen und kaum mit Zufriedenheit oder Investition in die Beziehung: Wer höher lag, sah mehr und bessere andere Möglichkeiten und achtete stärker auf sie. Ursache und Richtung lassen sich aus Fragebögen zu einem Zeitpunkt nicht ablesen.
Eine mögliche Deutung, die die Studie nicht prüft: Wenn wahrgenommene Alternativen die Bindungsbereitschaft stärker begleiten als Zufriedenheit, wäre denkbar, dass eine Trennung weniger von einer schlechten Phase als davon abhängt, dass etwas anderes verfügbar wird, und dass Anstrengung in der bestehenden Beziehung dann wenig ändert.
Was von außen wie Schwäche aussieht, kann mit dem Wechsel aus warm und kalt zusammenhängen. Im Labor, vor allem bei Tieren, bleibt gelerntes Verhalten nach unregelmäßiger Belohnung beim Ausbleiben der Belohnung oft länger bestehen als nach durchgehender (Haselgrove u. a. 2004; Nevin 2012). Beim Menschen sind die Befunde gemischt (Segers u. a. 2018; Hochman und Erev 2013), und für das Festhalten an Beziehungen wurde kein direkter Test gefunden (Websuche, keine Fachdatenbank). Dass dieser Mechanismus erklärt, warum Menschen an wechselhafter Zuwendung festhalten, ist eine Annahme. Wechselnde Zuwendung kann dazu beitragen, dass Menschen an einer belastenden Beziehung festhalten; daneben spielen unter anderem Bindung, Hoffnung, Abhängigkeiten und die konkrete Lebenssituation eine Rolle.
Dazu kommt eine mögliche zweite Wirkung, die hier als Deutung steht: Wird die eigene Wahrnehmung wiederholt bestritten, kann das Vertrauen in das eigene Urteil sinken (zu Gaslighting liegen vor allem qualitative Arbeiten vor, siehe den Reiter Was hält stand). Ob das erklärt, warum jemand in einer Beziehung bleibt, wurde nicht untersucht. Die Frage „warum bist du geblieben“ unterstellt einen einzelnen Grund; es können mehrere sein, und manche liegen nicht bei der Person.
Ein Teil der Schleife kommt allerdings von der anderen Seite und das gehört dazu, ohne dass es Schuld zuweist. In der Deutung dieses Kapitels liefert ein ängstliches Bindungsmuster genau das, was die Anordnung braucht: viel Aufmerksamkeit, wenig Grenze und die Bereitschaft, den Zustand des anderen vor den eigenen zu stellen. Der Reiter Wer trifft auf wen beschreibt dieselbe Paarung als Szenario ohne jede Diagnose.
Drei Teile der gängigen Erzählung halten der Prüfung nicht stand und das ist wichtiger als die Teile, die halten.
Das Bild vom Parasiten. Energie saugen, Vampir, Wirt: Das sind Bilder, keine Mechanismen. Gemessen werden Einzelteile, etwa das Streben nach Bewunderung und die Reaktion auf Zurückweisung (siehe den Abschnitt „Ständige Bestätigung von außen“ weiter oben); dass daraus eine Schleife wird, die fortlaufend äußere Bestätigung braucht, ist ein Modell. Das Bild macht daraus eine Art Lebewesen und damit etwas, an dem sich nichts ändern kann. Genau deshalb ist es so beliebt: Es beendet die Frage.
Er verstehe nicht, dass es auch um andere geht. Dass die Fähigkeit zur Perspektivübernahme bei erhöhten Narzissmuswerten grundsätzlich fehle, ist durch die Gruppenbefunde des vorigen Abschnitts nicht gedeckt: Mit entsprechender Anweisung war der Zusammenhang mit geringerer Empathie in zwei Experimenten nicht mehr nachweisbar. Zugleich ist das Mitfühlen in mehreren Studien geringer. Über die Fähigkeiten, Absichten oder Veränderungsbereitschaft einer einzelnen Person sagt das nichts, und es folgt keine Prognose daraus, ob ein Gespräch etwas ändert.
Das einsame Alter. Es ist die Pointe, die die Geschichte gerecht macht. Gedeckt ist sie nicht. Eine Untersuchung mit 200 Personen mittleren und höheren Alters fand bei den Älteren weniger Narzissmus und mehr Einsamkeit. Narzissmus wirkte dabei eher schützend als verstärkend. Bei der verletzlichen Ausprägung sieht es umgekehrt aus, dort geht mehr Narzissmus mit mehr Einsamkeit einher. Beide Befunde beruhen auf kleinen Stichproben. Belegt ist ein Verlauf in Gruppen von Fremden und Studienanfängern, weder die Bilanz eines ganzen Lebens noch der Verlauf einer einzelnen Beziehung.
Was daraus folgt, ist unbequem: Die Erwartung, dass es sich am Ende von selbst ausgleicht, ist eine Erzählung über Gerechtigkeit und kein Befund. Wer bleibt, weil er auf diesen Ausgleich wartet, wartet auf etwas, das die Zahlen nicht versprechen.
Die Deutung. Die Paarung wird so einheitlich beschrieben, weil die beiden Strategien zusammenpassen wie Schloss und Schlüssel. Die eine Person reguliert ihr Selbstbild über die Aufmerksamkeit anderer und braucht deshalb jemanden, der Aufmerksamkeit liefert und nicht geht. Die andere liest den Zustand des Raumes vor dem eigenen und behandelt das Bedürfnis des anderen als die dringendere Tatsache. Jeder bekommt genau das, was seine Strategie verlangt. Deshalb hält die Anordnung lange, nachdem sie aufgehört hat, gut zu sein.
Was dagegen spricht. Derselbe Verlauf lässt sich ohne jede Diagnose beschreiben. Ein ängstliches Muster, das auf ein abweisend vermeidendes trifft, kann einen ähnlichen Verlauf erzeugen: schnelle Nähe, wechselnde Wärme und ein abruptes Ende. Dass dieser Verlauf für diese Paarung typisch ist, wurde nicht gemessen; gemessen sind die Dimensionen und ihre durchschnittlichen Zusammenhänge mit der Zufriedenheit (siehe den Reiter Was hält stand). Aus dieser Sicht erklärt es nichts zusätzlich, eine Störung hinzuzufügen; es liefert eher einen Schuldigen (Deutung). Und es hält schlecht: Wer einmal Narzisst genannt wurde, dessen Verhalten wird leicht als Bestätigung gelesen. Eine Behauptung, die jedes Verhalten bestätigt, lässt sich nicht prüfen.
Worin beide Lesarten übereinstimmen. Was die zweite Person hält, muss weder Liebe noch Schwäche sein. Wechselnde Zuwendung kann ein Grund sein, daneben können Bindung, Hoffnung, Abhängigkeiten und die Lebenssituation eine Rolle spielen. Der Lerneffekt unregelmäßiger Belohnung ist im Labor, vor allem bei Tieren, gut belegt; für das Festhalten an Beziehungen ist er eine Annahme.
Ein großer Teil des Wortschatzes, der in diesen Gesprächen auftaucht, stammt nicht aus der Forschung, sondern aus einer einzigen Quelle: den Selbstveröffentlichungen eines anonymen Autors, der sich selbst als diagnostizierten Narzissten bezeichnet und seit den zehner Jahren eine sehr ausführliche eigene Begriffswelt aufgebaut hat. Von dort kommen der Super-Empath, die goldene Phase, der Treibstoff und die Supernova. Die Begriffe sind in sich stimmig, sie werden konsequent verwendet und sie beruhen auf keiner einzigen Untersuchung.
Älter ist nur der Kern. Der Gedanke, dass ein brüchiges Selbstbild fortlaufend Bestätigung von außen braucht, stammt aus der Psychoanalyse der dreißiger und vierziger Jahre. Der Begriff „narcissistic supply“ wird auf Fenichel (1938) zurückgeführt; das ist eine Angabe aus einem Lexikonartikel, im Original nicht gelesen. Alles, was seither dazugekommen ist, ist Ausschmückung.
Das ist kein Grund, diesen Wortschatz zu verachten. Wer etwas erlebt hat, wofür es keine Sprache gab, greift zu der Sprache, die angeboten wird. Diese hier ist bildhaft, genau im Ton und kostenlos zu haben. Es ist nur ein Grund, sie nicht mit einem Befund zu verwechseln.
Die Erzählung geht so. Trifft ein Narzisst auf einen gewöhnlichen Empathen, verbraucht er ihn und geht weiter. Trifft er dagegen auf einen Super-Empathen, also auf jemanden, der ebenso viel gibt, sich aber am Ende wehrt und selbst geht, dann kippt das Verhältnis. Diese eine Person bleibt der Maßstab. Er sucht sie in jeder folgenden, findet sie nicht und kommt nie darüber hinweg.
Man versteht sofort, warum diese Geschichte gebraucht wird. Sie dreht das Machtverhältnis genau um: Aus der Person, die verbraucht wurde, wird die Person, die nicht zu ersetzen war. Sie gibt dem Erlebten einen Sinn und dem Ende eine Gerechtigkeit, die es sonst nicht hat. Als Trost ist sie brauchbar. Wahr wird sie dadurch nicht.
Drei Dinge, und keines davon ist gemessen. Was im Folgenden dagegen angeführt wird, sind Gegenargumente aus verwandten Befunden, keine Widerlegung der Sage.
Erstens müsste es Super-Empathen als unterscheidbare Gruppe geben. Empathie wird als mehrere stufenlose Eigenschaften gemessen. Es gibt keine Schwelle, keine Kategorie und kein Verfahren, das jemanden dort einordnen könnte.
Zweitens müsste der Verlust nachhaltig wirken. Dazu liegt keine Messung vor. Gemessen wurde etwas anderes, im Labor und über Minuten: In zwei Experimenten mit 260 und 280 Studierenden sagte Narzissmus nach einer Beleidigung aggressives Verhalten vorher (gemessen als Lärm), das Selbstwertgefühl dagegen nicht, und in der zweiten Studie richtete sich die Aggression gegen die beleidigende Person und kaum gegen Unbeteiligte (Bushman und Baumeister 1998). Das zeigt eine kurzfristige Reaktion auf Kränkung. Es widerlegt nicht, dass jemand später an eine Beziehung zurückdenkt, und es belegt es auch nicht.
Drittens müsste die Suche nach dem Verlorenen das Verhalten steuern. Gemessen wurde etwas anderes. In einer Querschnittsstudie hing die geringere Bindungsbereitschaft bei höherem Narzissmus vor allem mit wahrgenommenen Alternativen zusammen, also damit, dass andere Möglichkeiten besser aussehen (Campbell und Foster 2002). Ob jemand an die frühere Person gebunden bleibt, wurde nicht gemessen.
Ein Rest bleibt und er lässt sich erklären, ohne dass jemand einzigartig sein muss.
Dass ein abrupt abgebrochener Abschnitt besser im Gedächtnis bleibt als ein zu Ende gebrachter, wird in der Psychologie als Zeigarnik-Effekt beschrieben. Die Befunde dazu sind uneinheitlich, und für Trennungen wurde das hier nicht geprüft.
Und die Idealisierungsphase kann einen Maßstab setzen, gegen den alles Spätere gemessen wird. Das kann auf beiden Seiten gelten. Wer die goldene Phase erlebt hat, vergleicht später gegen sie und das tut auch die Person, die sie hergestellt hat.
Beides zusammen könnte erklären, warum jemand später sagt, er habe nie wieder etwas Vergleichbares gehabt. Es erklärt nicht, warum das an einer bestimmten Person gelegen haben soll. Beides sind Möglichkeiten, keine geprüften Erklärungen.
Als Einschätzung gekennzeichnet. Was jetzt folgt, setzt die Befunde dieses Kapitels zusammen und geht dabei über sie hinaus. Es steht deshalb hier und nicht in der Belegleiter.
Die Antwort ist ja, aus drei Gründen, die sich gegenseitig verstärken.
Erstens die Erzeugung. Das Muster stellt die Bedingungen einer schwierigen Beziehung selbst her. Bedingte Wärme, wechselnde Zuwendung, umgedrehte Kritik: Wer so behandelt wird, fängt an zu kontrollieren, nachzufragen, zu misstrauen und sich zu erklären. Nach einem Jahr sieht das nach zwei schwierigen Menschen aus und ein erheblicher Teil davon ist die Wirkung des einen auf den anderen. Wer erst spät hinschaut, kann Ursache und Folge kaum noch auseinanderhalten.
Zweitens die Auswahl auf der einen Seite. Menschen mit klaren Grenzen steigen früh aus, meist beim ersten Mal, wenn die Zuwendung an Bedingungen geknüpft wird. In der Beziehungsgeschichte tauchen sie deshalb kaum auf. Übrig bleiben die, die bleiben. Wer bleibt, hat dafür meistens einen Grund, der selbst mit Bindung zu tun hat.
Drittens die Auswahl auf der anderen Seite. Die Anfangsphase ist für ein ängstliches Muster außergewöhnlich anziehend, weil sie genau das liefert, was dort dauerhaft fehlt. Beide gehen also aufeinander zu und keiner von beiden tut etwas Unvernünftiges.
Was dagegen spricht. Es gibt keine Untersuchung, die den Satz „Narzissten haben mehr schwierige Beziehungen“ direkt gemessen hätte. Gemessen sind Teile davon: kürzere Beziehungen, geringere Bindungsbereitschaft, mehr Konflikt, sinkende Beliebtheit über die Zeit. Diese Teile zusammenzusetzen ist genau der Schritt, der die Einschätzung zur Einschätzung macht.
Und der Gedanke schneidet in beide Richtungen. Wenn die immer gleiche Sorte Beziehung auf den gemeinsamen Nenner hinweist, dann gilt das für jeden, der auf drei ähnliche Beziehungen zurückblickt. Das ist unangenehm und trotzdem der bessere Gebrauch: Der Gedanke taugt zur Selbstprüfung mehr als zur Einordnung eines anderen.
Klicken Sie eine Phase an. Die getönte Fläche ist der Ausschlag zwischen dem Tiefsten und dem Höchsten, das gerade gefühlt wird; die beiden Linien laufen darüber. Gezeichnet, um die Form zu zeigen, die das Modell beschreibt, nicht gemessene Mittelwerte. Kurven, Phasennamen und Zeitangaben sind illustrativ und stammen nicht aus Messungen.
Die auffälligste Linie im Diagramm ist keine Linie, sondern der Abstand: die Fläche zwischen dem Höchsten und dem Tiefsten, das in derselben Woche gefühlt wird. Am Anfang ist sie schmal, weil alles oben ist. In der Abwertung wird sie breiter, weil die Tiefen kommen und die Höhen bleiben. In der Wechselphase ist sie am breitesten und das ist der Punkt, um den es geht. Nicht die Höhe erzeugt das starke Gefühl, sondern die Strecke.
Erstens der Kontrast. Dieselbe Zuwendung wirkt nach Kälte größer als nach Wärme. Wer drei Tage nicht weiß, woran er ist, erlebt eine gewöhnliche freundliche Nachricht als Erlösung. Gemessen wird nicht der Zustand, sondern die Veränderung und die Veränderung ist hier riesig.
Zweitens die Erregung. Ein Körper unter dauernder Spannung kann die Lage als bedeutsam erleben. Der übliche Beleg dafür ist ein Experiment von 1974 auf einer Hängebrücke und dieser Beleg ist wackliger, als er meist zitiert wird: Die Methode ist kritisiert worden, Wiederholungen fielen gemischt aus und die Effekte sind klein bis mittel. Die heutige Lesart ist, dass Erregung eine vorhandene Neigung verstärkt, statt mit Verliebtheit verwechselt zu werden. Für die Praxis läuft beides auf dasselbe hinaus: Ein aufgewühlter Körper macht alles größer, auch das Gute.
Drittens das Gedächtnis. In Laborexperimenten mit kurzen Episoden, etwa Schmerzreizen und Filmclips, hing die rückblickende Bewertung stark vom höchsten Punkt und vom Ende ab, die Dauer spielte kaum eine Rolle (Kahneman u. a. 1993; Fredrickson und Kahneman 1993; Metaanalyse: Alaybek u. a. 2022). Fredrickson und Kahneman mahnen selbst zur Vorsicht bei Episoden von Tagen oder Monaten. In Konfliktgesprächen von 101 Paaren hingen die Gefühlsspitzen, nicht das Ende, mit der Stimmung danach zusammen (Sels u. a. 2019), und bei Paaren im Alltag beschrieb der Mittelwert der erlebten Zufriedenheit die Erinnerung am besten (Zygar-Hoffmann und Schönbrodt 2020). Ob eine Beziehung mit großen Spitzen deshalb vor allem nach ihren Spitzen erinnert wird, ist eine Annahme und keine Regel für alle Menschen.
Und ein vorsichtiger Schluss. Intensität und Tiefe sind nicht dasselbe. Wie starke Erregung gedeutet wird, kann je nach Lage verschieden ausfallen (siehe die Hängebrücken-Studie oben mit ihren Grenzen). Das Gefühl von Besonderheit ist als Gefühl echt und sagt für sich genommen wenig über die Qualität der Beziehung. Das ist eine Deutung dieses Kapitels auf Grundlage der genannten Befunde, keine neurobiologische Aussage.
Das kann auch ein Grund sein, warum eine ruhige Beziehung danach zu wenig wirken kann. Verglichen wird dann womöglich nicht mit der Qualität, sondern mit dem Ausschlag. Als Maß dafür, wie gut es einem geht, taugt die Höhe der Kurve eher als ihre Schwankung (Deutung). Es kann helfen, sich das eine Weile lang bewusst zu sagen.
Beschrieben wird ein Muster (in Beratungs- und Ratgeberquellen): Eine Person wird wiederholt gereizt und reagiert schließlich heftig. Sie schreit, beleidigt oder wirft etwas. Danach benutzt die andere Person diese Reaktion als Beweis und stellt sich selbst als Opfer dar. Was vorher geschah, kommt in der Erzählung nicht mehr vor. Nach diesen Quellen wird die Reaktion oft festgehalten oder Dritten erzählt.
Im Englischen heißt das reactive abuse. Der Name ist umstritten: Nach Thriveworks kann er irreführend sein, weil eine starke Reaktion auf erlebten Missbrauch nicht immer Missbrauch ist, oft ist sie schlicht Selbstverteidigung. DomesticShelters schreibt, der Begriff verschiebe die Schuld auf die betroffene Person. Die Seite beschreibt auch, dass Täter ihn geltend machen, wenn sich Betroffene wehren. Andere Beratungsseiten beschreiben damit das Muster oben: Die Reaktion wird ausgelöst und danach gegen die Person verwendet (Wright; The Hotline). Der Begriff stammt aus Beratungs- und Ratgeberquellen, sein Ursprung ist nicht geklärt. Nach zwei Websites aus der Therapiepraxis ist er keine formale Diagnose (Wright; The Peaceful Place). Eine Fachstudie, die ihn als eigenes Konstrukt misst, wurde in dieser Recherche nicht gefunden (Websuche, keine Fachdatenbank). Deshalb behandelt dieser Reiter ihn als populären Begriff und nicht als Befund.
Was dahintersteckt, lässt sich mit Bausteinen beschreiben, die für sich untersucht sind. Wie stark Provokation und aggressives Verhalten zusammenhängen, hängt auch von der Persönlichkeit ab: Manche Merkmale gingen mit aggressivem Verhalten mit und ohne Provokation einher, andere nur unter Provokation (Bettencourt u. a. 2006). Schon recht leichter, akuter, nicht kontrollierbarer Stress kann nach einer Übersichtsarbeit rasch zu einem deutlichen Verlust kognitiver Fähigkeiten des Stirnhirns führen, bei Tieren und Menschen (Arnsten 2009). Akuter Stress beeinträchtigte in einer Metaanalyse beim Menschen Arbeitsgedächtnis und kognitive Flexibilität (Shields u. a. 2016). Außenstehende neigen dazu, Verhalten mit dem Charakter statt mit der Lage zu erklären (Gilbert und Malone 1995). In einem Experiment mit erfundenen Fällen sexueller Übergriffe wirkte die betroffene Person weniger glaubwürdig, wenn die beschuldigte Person mit Leugnen, Angreifen und Umkehren von Täter und Opfer antwortete (Harsey und Freyd 2023). Und beim Nacherzählen einer Geschichte färbten Versuchspersonen sie je nach zugewiesener Rolle (Stillwell und Baumeister 1997). Der Ablauf als Ganzes ist dagegen ein Modell, kein gemessener Befund; für ihn wurde in dieser Recherche keine Untersuchung gefunden. Ob er in einem bestimmten Fall vorliegt, lässt sich aus einer einzelnen Erzählung nicht erkennen, auch nicht aus der eigenen.
Belege. Bettencourt u. a. 2006; Arnsten 2009; Shields u. a. 2016; Gilbert und Malone 1995; Harsey und Freyd 2023; Stillwell und Baumeister 1997. Sie stehen unten im Quellenblock und in den Karten.
Zur Lesart. „Nicht gefunden“ heißt in diesem Reiter: In der Recherche (Websuche, keine Fachdatenbank) wurde nichts gefunden. Es heißt nicht, dass es nichts gibt. Beispiele ohne Quellenangabe sind erfunden.
Klicken Sie einen Schritt an. Gezeichnet ist ein Modell: Bausteine, die für sich untersucht sind, zu einem Ablauf verbunden. Für den Ablauf als Ganzes wurde keine Messung gefunden. Die Beispiele sind erfunden.
Waagerecht: Zeit (im Beispiel zwölf Wochen). Senkrecht: Anspannung, ohne Zahlen. Gezeichnet, um die Form zu zeigen, keine gemessenen Verläufe. Im Modell bleiben die Reize klein und die Anspannung steigt; der Ausbruch ist der einzige Ausschlag, den man später sieht.
Im Modell hängt das Muster an einem Gefälle der Sichtbarkeit. Die Reize sind leise, verstreut und abstreitbar. Der Ausbruch ist laut, steht an einer Stelle und lässt sich festhalten. Wer später nachfragt, findet dann nur den Ausbruch. Dazu kommen zwei Dinge: wie Außenstehende urteilen und wie danach erzählt wird.
Erstens: Menschen neigen dazu, aus Verhalten auf die Eigenschaften einer Person zu schließen, auch wenn die Lage es erklären könnte. In der Fachsprache heißt das Korrespondenzverzerrung (Gilbert und Malone 1995); Ross (1977) nannte die verwandte Neigung, die Macht der Lage zu unterschätzen, den fundamentalen Attributionsfehler (zitiert nach Gilbert und Malone 1995). Die Neigung ist nicht überall gleich stark: Ostasiatische Versuchspersonen vermeiden sie eher, solange die Zwänge der Lage deutlich sind (Choi u. a. 1999). Und bei stärker gestressten Beurteilenden war sie größer: In zwei Studien eines Forschungsteams schrieben stärker gestresste Versuchspersonen Verhalten häufiger dem Charakter zu, bei 56 Personen nach einem Kältetest im Labor, bei 204 Personen mit selbstberichtetem Stress (Kubota u. a. 2014). Im Modell heißt das: Wer nur den Ausbruch sieht, etwa eine Vorgesetzte, ein Familienmitglied oder ein Gericht, liest ihn leicht als Eigenschaft der Person.
Oft heißt es auch, Beteiligte erklärten ihr Handeln mit der Lage und Beobachter das Handeln anderer mit dem Charakter (Handlungs-Beobachter-Asymmetrie, englisch actor-observer asymmetry). Als allgemeine Regel trägt das nicht: Eine Metaanalyse mit 173 Studien und 14.686 Personen fand im Mittel nur einen sehr kleinen Unterschied (d = 0,095; die mittleren Effekte lagen nach dem Abstract zwischen −0,016 und 0,095). Nach dem Abstract galt die Asymmetrie nur, wenn der Handelnde als in hohem Maß eigentümlich (englisch idiosyncratic) dargestellt wurde, wenn hypothetische Ereignisse erklärt wurden, wenn Handelnde und Beobachter einander nahestanden oder wenn frei formulierte Erklärungen ausgewertet wurden. Im Ergebnisteil der Arbeit lagen die mittleren Effekte bei frei formulierten Erklärungen bei 0,318, bei hypothetischen Ereignissen bei 0,280 und bei Nahestehenden bei 0,245, bei tatsächlichen Ereignissen dagegen nur bei 0,059; für negative Ereignisse nennt Tabelle 3 den Wert 0,241. Der Verfasser nennt die Asymmetrie weder fest etabliert noch robust und allgemein (Malle 2006). Der Text behauptet deshalb nur die Neigung von Beobachtern, nicht diese Zweiteilung.
Zweitens: die Erzählung danach. In dem Experiment zu DARVO (siehe Schritt 4; Harsey und Freyd 2023) wirkte die betroffene Person weniger glaubwürdig, wenn die beschuldigte Person mit Leugnen, Angreifen und Umkehren antwortete. Gemessen wurde, wie Lesende erfundene Fälle beurteilten, darunter einen Fall von Partnerschaftsgewalt (Harsey und Freyd 2020), nicht, wie es Betroffenen ergeht, wenn sie sich wehren, und nicht der hier gezeichnete Ablauf in realen Beziehungen, Familien oder Betrieben; dazu wurde keine Untersuchung gefunden (Websuche, keine Fachdatenbank). Wie Selbstbild und Fremdbild dabei mitspielen, zeigt der Reiter Selbstbild und Fremdbild.
Jeder Punkt steht für eine von 100 Frauen in Österreich, die jemals in einer Paarbeziehung waren. 37 Punkte sind gefüllt (gerundet aus 36,92 Prozent, Befragung 2020 bis 2021): Diese 37 Frauen berichten, jemals psychische Gewalt in einer Partnerschaft erlebt zu haben. Das Punktbild veranschaulicht eine Messung, es zeigt keine einzelnen Frauen.
Repräsentative Befragung von 6.240 Frauen im Alter von 18 bis 74 Jahren in Österreich, Oktober 2020 bis März 2021: 36,92 Prozent der Frauen, die schon einmal in einer intimen Partnerschaft waren, hatten Erfahrungen mit psychischer Gewalt in intimen Beziehungen gemacht (jemals, also im Lauf des Lebens; Statistik Austria 2022). Gefragt wurde nach 13 Verhaltensweisen (Fragenliste des Berichts), darunter Beschimpfen und Erniedrigen, Verbote, Freundinnen, Freunde oder Familie zu treffen, Überwachung des Aufenthaltsorts, finanzielle Kontrolle, Einschüchtern und Drohungen gegen Kinder oder andere wichtige Menschen. In den USA ermittelte die nationale Erhebung NISVS 2010 (Telefonbefragung von 9.086 Frauen und 7.421 Männern) für Frauen 48,4 Prozent und für Männer 48,8 Prozent, die im Lauf des Lebens psychologische Aggression durch einen Intimpartner erlebt hatten; der Bericht formuliert das als Anteil aller Frauen und Männer in den USA. „Psychologische Aggression“ umfasst in dieser Erhebung expressive Aggression (5 Items) und Zwangskontrolle (12 Items) (Black u. a. 2011, CDC).
Was das nicht sagt: Beide Erhebungen messen Erfahrungen mit psychischer Gewalt, nicht das Muster aus Reiz, Druck, Ausbruch und Umdeutung. Sie sagen nichts darüber, wie oft dieser Ablauf vorkommt, wie oft er wahrheitsgemäß erzählt wird und wie schwer er ist. Die Erhebungen unterscheiden sich in Befragungsweise, Items und Bezugsgröße (Österreich: Frauen, die schon einmal in einer Partnerschaft waren; USA: alle Frauen und Männer): Die Zahlen sind nicht direkt vergleichbar. Dass die Folgen je nach Form der Gewalt unterschiedlich ausfallen können, zeigt der Vergleich von Gewalt mit Kontrolle und situativer Paargewalt (Johnson und Leone 2005, siehe unten); das ist eine Einordnung dieser Seite.
Nicht jeder Streit, in dem jemand ausrastet, ist so ein Muster. Auch in gewöhnlichen Konflikten kann sich jede Seite gereizt fühlen; jede kann das Geschehen danach rollengefärbt erzählen (siehe Reiter Selbstbild und Fremdbild; Stillwell und Baumeister 1997, Laborstudie mit gelesenen Geschichten). Vorsichtig gedeutet gilt das auch für die Person, die sich als gereizt erlebt: Die Darstellung dieser Person braucht einen Blick von außen (Deutung, keine Messung).
Eine Typologie der Partnergewalt (Johnson 2008) unterscheidet nach dem Zusammenhang, in dem Gewalt geschieht: Gewalt als Teil eines allgemeinen Musters von Zwang und Kontrolle (intimate terrorism), Gewalt, die aus der Eskalation einzelner Konflikte entsteht (situational couple violence), sowie Gewalt als Gegenwehr gegen Zwang und Kontrolle (violent resistance). Nach dem Katalogtext des Buches geht es bei den Unterschieden zwischen diesen Formen ebenso sehr um Kontrolle wie um Gewalt. In der US-Erhebung National Violence Against Women Survey unterschieden sich zwei Formen von Gewalt von Ehemännern gegen ihre Frauen in ihren Folgen. Bei Betroffenen von intimate terrorism (Gewalt mit Kontrolle) hörte die Gewalt seltener auf als bei Betroffenen situativer Paargewalt. Sie wurden häufiger angegriffen und verletzt, zeigten mehr Symptome einer posttraumatischen Belastung, nahmen häufiger Schmerzmittel, fehlten häufiger bei der Arbeit und hatten ihre Männer häufiger verlassen (Johnson und Leone 2005). Die Unterscheidung wird diskutiert: Ein Editorial von 2024 berichtet, dass mehr als 40 Prozent der empirischen Studien die Typologie nicht richtig anwenden (Cares u. a. 2024; die Zahl stammt nach dem Editorial aus einer systematischen Übersicht im selben Heft, die in dieser Recherche nicht gelesen wurde). In Sorgerechtsverfahren berufen sich Beschuldigte nach demselben Editorial mitunter darauf, es sei nur situative Gewalt gewesen.
Der Begriff Zwangskontrolle (coercive control) setzt ebenfalls bei der Kontrolle an und nicht nur bei der Gewalt: Nach dem Abstract von Stark und Hester (2019, Übersicht) ist Zwangskontrolle keine Art von Gewalt; das ist eine begriffliche Abgrenzung (Einordnung dieses Kapitels): Gemeint ist ein fortgesetztes Muster und nicht eine einzelne körperliche Handlung, psychische, wirtschaftliche und andere Formen von Gewalt oder Kontrolle sind dadurch nicht ausgeschlossen. Das Ausmaß der Kontrolle sagt eine Reihe negativer Folgen voraus, die bisher mit körperlicher Gewalt verbunden wurden. Nach dem Text des Aufsatzes ist sie ein Muster aus Zwang und Kontrolle, erlebt als Zustand der Unfreiheit. In Österreich lautet § 107b Absatz 1 des Strafgesetzbuchs (Fassung ab 01.01.2020): „Wer gegen eine andere Person eine längere Zeit hindurch fortgesetzt Gewalt ausübt, ist mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren zu bestrafen.“ Absatz 2 bestimmt, was als Gewalt im Sinn des Absatzes 1 gilt: körperliche Misshandlung und vorsätzliche strafbare Handlungen gegen Leib und Leben oder gegen die Freiheit, ausgenommen einige ausdrücklich genannte Tatbestände. Absatz 3 lautet: „Mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren ist zu bestrafen, wer durch die Tat eine umfassende Kontrolle des Verhaltens der verletzten Person herstellt oder eine erhebliche Einschränkung der autonomen Lebensführung der verletzten Person bewirkt.“ Provokation, Abwertung und Manipulation als solche nennt der Paragraf nicht; einzelne Handlungen können unter andere Straftatbestände fallen. Zur rechtlichen Einordnung beraten Beratungsstellen und Rechtsberatung.
Die folgenden Fragen gehen über die Heftigkeit einer Reaktion hinaus. Sie sind teils aus Merkmalen abgeleitet, die in der Forschung zu Gewaltformen und Zwangskontrolle beschrieben werden (Johnson 2008; Stark und Hester 2019), teils aus Beschreibungen in Beratungsquellen. Die Zusammenstellung ist eine eigene, keine geprüfte Skala und keine Diagnose, es sind nur Fragen, die auch ein Außenstehender beantworten könnte:
Zwangskontrolle kann nach dem Text von Stark und Hester (2019) auch ohne nennenswerte Gewaltvorfälle bestehen: Die meisten Fälle enthalten danach körperliche oder sexuelle Angriffe, ein erheblicher Anteil aber nicht. Angst, Einschränkung der Selbstbestimmung und Herabsetzung können ein Gefühl des Gefangenseins hervorrufen. Wer die Fragen nur für die andere Seite beantwortet, hat sie nicht beantwortet.
Nicht als Etikett für andere. „Das ist reaktiver Missbrauch“ klärt als Vorwurf gegenüber der anderen Person nichts. Der Begriff ist nach zwei Websites aus der Therapiepraxis keine formale Diagnose (Wright; The Peaceful Place), er kann nach Thriveworks irreführend sein. Selbst die Unterscheidung von Johnson wird nach einem Editorial von 2024 häufig falsch angewendet (Cares u. a. 2024). Deshalb empfiehlt dieser Reiter, Begriffe wie diesen nicht zur Einstufung anderer zu benutzen.
Nicht als Diagnose. Provozieren ist ein Verhalten, keine Diagnose. Nach Greenberg (Psychology Today, Blogbeitrag) erfüllt nicht jeder Misshandelnde, der „Narzisst“ genannt wird, die Kriterien einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (siehe den Reiter Muster und Etiketten).
Nicht als Beweis für fehlende Selbstreflexion. Das Selbstbild trifft im Großen und Ganzen, hat aber Auslassungen. Selbstbild und Fremdbild weichen im Durchschnitt je nach Merkmal in unterschiedliche Richtungen voneinander ab: Bei inneren Merkmalen wie der Ängstlichkeit kennt sich die Person eher besser, bei nach außen sichtbaren, stark bewerteten Merkmalen können andere besser urteilen (Vazire und Carlson 2011; Vazire 2010). Selbsteinschätzung und gemessene Leistung stimmen im Mittel nur mäßig überein (Zell und Krizan 2014, Einzelheiten unter „Selbstbild und Fremdbild“). Dass jemand nicht weiß, wie andere ihn sehen, ist für Menschen mit narzisstischen Zügen nicht belegt: Sie verstanden, dass andere sie weniger positiv sehen. Teilweise hatten sie auch Einsicht in den nachlassenden ersten Eindruck (Carlson u. a. 2011). Zu Menschen, die andere gezielt reizen, fand sich in dieser Recherche keine Studie. Dasselbe gilt für das Schlagwort Dunning-Kruger-Effekt (siehe Kapitel 09) und für ähnliche Etiketten: Solche Etiketten für andere zu benutzen, verführt dazu, die eigene Sicht für die klare zu halten (Deutung; zum blinden Fleck Pronin u. a. 2002). Belege im Reiter Selbstbild und Fremdbild.
Nicht als Freibrief. „Du hast mich provoziert“ ist ein Satz, den beide sagen können: die, die wirklich gereizt wurde, wie auch die, die Verantwortung verschieben will. Das Power and Control Wheel des Duluth-Modells, ein Denkwerkzeug der Beratungspraxis und keine Theorie (Domestic Abuse Intervention Programs; nach dem Text der Herausgeber 1982 von Ellen Pence, Coral McDonnell und Michael Paymar entwickelt), führt eine Speiche „Minimizing, Denying and Blaming“ (Verharmlosen, Leugnen, Beschuldigen). Nach der Erläuterung des Rockland Community College gehört dazu unter anderem, die Verantwortung für missbräuchliches Verhalten zu verschieben und zu sagen, die Betroffene habe es verursacht (SUNY Rockland). „Du hast mich provoziert“ kann in diesem Sinn gemeint sein (Deutung). Aus einer einzelnen Erzählung lässt sich das nicht entscheiden, auch nicht für die Person, die sie erzählt.
Nicht als Entschuldigung. Erklären ist nicht entschuldigen. Wer in einer gereizten Lage jemanden angeschrien, bedroht oder verletzt hat, hat das getan. Zwei Websites aus der Therapiepraxis betonen, dass beides zusammen gelten kann: Verantwortung für das eigene verletzende Verhalten und das Erkennen, dass anhaltende Einschüchterung, Manipulation oder Zwang den Boden dafür bereitet haben können (The Peaceful Place; Wright). Eine andere Beratungsstelle betont, dass Gegenwehr gegen einen misshandelnden Partner kein Missbrauch ist (The Hotline). Was rechtlich als Notwehr gilt, hängt vom Einzelfall ab. Das klären Rechtsberatung und Gerichte. Beratungsstellen helfen zum Beispiel bei einem Sicherheitsplan.
Diese Beratungs- und Ratgeberquellen nennen, je Quelle in unterschiedlichem Umfang: mit vertrauten Menschen oder einer Fachperson zu sprechen (The Hotline; Praxis gesunde Psyche), aufzuschreiben, was geschieht, mit Datum (The Hotline; ähnlich das Coaching-Glossar narzissmus-coach.de), Nachrichten und andere Belege aufzubewahren, um das Muster zu zeigen und nicht nur einen einzelnen Vorfall (The Hotline; DomesticShelters), sowie einen Sicherheitsplan zu machen (DomesticShelters; Praxis gesunde Psyche). Das ist der Stand der Beratungspraxis und für dieses Muster nicht durch Studien geprüft.
Für die eigene Reaktion gibt es einen im Labor untersuchten Ansatz, die Selbstdistanzierung: sich in der Erregung aus der Sicht eines Beobachters betrachten („Fliege an der Wand“). In zwei Experimenten mit 94 und 86 Studierenden hatten provozierte Teilnehmende, die das taten, weniger aggressive Gedanken und weniger Ärger (Experiment 1) und zeigten weniger aggressives Verhalten (Experiment 2) als Teilnehmende, die in die eigene Lage eintauchten, sowie als die Kontrollgruppe (Mischkowski u. a. 2012). Es waren Laborstudien mit kurzfristiger Wirkung. Zu lang andauernden Beziehungsmustern sagen sie nichts.
Eine bekannte Strategie heißt Grey Rock. Nach einem Nachschlagetext (EBSCO Research Starters) bedeutet sie, kurz und ohne Gefühl zu antworten und Reaktionen zu unterdrücken; der Begriff wurde 2012 von einer Bloggerin geprägt. Im selben Text steht, dass es fast keine wissenschaftliche Forschung zur Wirksamkeit gibt, dass die Strategie das unerwünschte Verhalten verstärken kann und dass Fachleute empfehlen, vor dem Beginn fachliche Hilfe zu suchen. Auch DomesticShelters beschreibt sie als vorübergehende Maßnahme, die in einen Sicherheitsplan gehört und die Lage verschärfen kann, wenn die erwartete Reaktion ausbleibt. Beides sind Nachschlage- und Beratungsquellen, keine Studien.
Männer und Burschen in akuten Konflikt- und Krisensituationen, auch solche, die Gewalt in der Familie ausgeübt haben oder befürchten, es zu tun, finden Hilfe bei der Männerinfo Krisenhelpline unter 0800 400 777; sie ist rund um die Uhr erreichbar, kostenlos und anonym. Für alle anderen gelten die Nummern im Kasten „Ein praktischer Hinweis“ unten. Die Telefonseelsorge ist unter 142 täglich rund um die Uhr erreichbar.
Quellen. Titel, Zeitschrift, Band und Seiten stehen, wo sie an der Originalseite gelesen wurden; sonst stehen nur Autoren, Zeitschrift und Jahr.
Provokation, Stress und Selbststeuerung. Bettencourt, Talley, Benjamin & Valentine, Personality and aggressive behavior under provoking and neutral conditions: A meta-analytic review, Psychological Bulletin 132(5), 751 bis 777 (2006) · Dodge & Coie, Social-information-processing factors in reactive and proactive aggression in children's peer groups, Journal of Personality and Social Psychology 53(6), 1146 bis 1158 (1987) · „Proactive and Reactive Aggression“, Lexikoneintrag bei Springer · Arnsten, Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function, Nature Reviews Neuroscience 10(6), 410 bis 422 (2009), Übersichtsartikel · Shields, Sazma & Yonelinas, The effects of acute stress on core executive functions: A meta-analysis and comparison with cortisol, Neuroscience & Biobehavioral Reviews 68, 651 bis 668 (2016) · Mischkowski, Kross & Bushman, Flies on the wall are less aggressive: Self-distancing „in the heat of the moment“ reduces aggressive thoughts, angry feelings and aggressive behavior, Journal of Experimental Social Psychology 48(5), 1187 bis 1191 (2012)
Zuschreibung und Sichtbarkeit. Gilbert & Malone, The correspondence bias, Psychological Bulletin 117(1), 21 bis 38 (1995) · Ross (1977), zitiert nach Gilbert & Malone (1995), nicht im Original gelesen · Choi, Nisbett & Norenzayan, Causal attribution across cultures: Variation and universality, Psychological Bulletin 125, 47 bis 63 (1999) · Kubota, Mojdehbakhsh, Raio, Brosch, Uleman & Phelps, Stressing the person: Legal and everyday person attributions under stress, Biological Psychology 103, 117 bis 124 (2014) · Malle, The actor-observer asymmetry in attribution: A (surprising) meta-analysis, Psychological Bulletin 132(6), 895 bis 919 (2006)
Selbstbild und Fremdbild. Vazire, Who knows what about a person? The self-other knowledge asymmetry (SOKA) model, Journal of Personality and Social Psychology 98(2), 281 bis 300 (2010) · Vazire & Carlson, Others sometimes know us better than we know ourselves, Current Directions in Psychological Science 20(2), 104 bis 108 (2011) · Zell & Krizan, Do people have insight into their abilities? A metasynthesis, Perspectives on Psychological Science 9(2), 111 bis 125 (2014) · Pronin, Lin & Ross, The bias blind spot: Perceptions of bias in self versus others, Personality and Social Psychology Bulletin 28(3), 369 bis 381 (2002)
Rollen und Erzählungen. Stillwell & Baumeister, The construction of victim and perpetrator memories: Accuracy and distortion in role-based accounts, Personality and Social Psychology Bulletin 23(11), 1157 bis 1172 (1997)
Narzissmus. Carlson, Vazire & Oltmanns, You probably think this paper's about you: Narcissists' perceptions of their personality and reputation, Journal of Personality and Social Psychology 101(1), 185 bis 201 (2011) · Bushman & Baumeister, Threatened egotism, narcissism, self-esteem, and direct and displaced aggression: Does self-love or self-hate lead to violence?, Journal of Personality and Social Psychology 75(1), 219 bis 229 (1998)
Leugnen und Beschuldigen, DARVO. Domestic Abuse Intervention Programs, The development of the Power and Control and Equality Wheels · Domestic Abuse Intervention Programs, Understanding the Power and Control Wheel (Herausgeberseite, mit der Speiche „Minimizing, Denying and Blaming“) · Rockland Community College (SUNY Rockland), Understanding the Power and Control Perspective Wheel · Freyd, Violations of power, adaptive blindness, and betrayal trauma theory, Feminism & Psychology 7, 22 bis 32 (1997), Angaben nach Freyds Seite zu DARVO, das Original nicht gelesen · Harsey & Freyd, The influence of deny, attack, reverse victim and offender and insincere apologies on perceptions of sexual assault, Journal of Interpersonal Violence 38(17 bis 18), 9985 bis 10008 (2023)
Gaslighting, Zwangskontrolle, Gewaltformen. Sweet, The sociology of gaslighting, American Sociological Review 84(5), 851 bis 875 (2019) (Abstract gelesen; zur Art der Arbeit der Methodenteil einer Kopie auf asanet.org) · Klein, Li & Wood, A qualitative analysis of gaslighting in romantic relationships, Heft 4, 1316 bis 1340 (2023), DOI 10.1111/pere.12510 (Abstract gelesen) · Stark & Hester, Coercive control: Update and review, Violence Against Women 25(1), 81 bis 104 (2019) (Abstract auf der Bristol-Seite gelesen; Definition und Angaben zum Straftatbestand nach einer Kopie der akzeptierten Manuskriptfassung) · Johnson, A Typology of Domestic Violence: Intimate Terrorism, Violent Resistance, and Situational Couple Violence, Boston: Northeastern University Press (2008), Katalogeintrag · Johnson & Leone, The differential effects of intimate terrorism and situational couple violence: Findings from the National Violence Against Women Survey, Journal of Family Issues 26(3), 322 bis 349 (2005) · Cares, Haselschwerdt, Hardesty & Few-Demo, „After All This Time: Clarifying Misconceptions and Charting Clear …“, Editorial, Journal of Family Violence (2024) · § 107b StGB, Rechtsinformationssystem des Bundes (RIS), Fassung ab 01.01.2020 (BGBl. I Nr. 105/2019), sowie jusline, Rechtsinformationsseite; beide im Wortlaut gelesen
Häufigkeit und Behörden. Statistik Austria, Geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen in Österreich, Prävalenzstudie, veröffentlicht 2022 (Befragung Oktober 2020 bis März 2021), Bericht als PDF (Fragenliste Abschnitt 4.3, Seiten 29 bis 30) · Black, Basile, Breiding, Smith, Walters, Merrick, Chen & Stevens, The National Intimate Partner and Sexual Violence Survey (NISVS): 2010 Summary Report, CDC (2011) · Nancarrow, Thomas, Ringland & Modini, Accurately identifying the „person most in need of protection“ in domestic and family violence law: Key findings and future directions (Kurzfassung), ANROWS, Research to policy and practice papers 23/2020 (Kurzfassung und Projektseite gelesen, Volltext nicht abrufbar)
Begriff, Beratung und Nachschlagewerke (Ratgeber- und Nachschlagequellen, keine Studien). The Hotline, What is reactive abuse? · DomesticShelters, Isn't reactive abuse just victim-blaming? · Thriveworks, Beitrag zu reactive abuse · Wright (Licensed Marriage and Family Therapist), Reactive Abuse: When Your Reaction Becomes Their Evidence Against You, Blogbeitrag, 9. April 2026 · Young, The Peaceful Place (Therapiepraxis), Blogbeitrag zu reactive abuse · Praxis gesunde Psyche (Österreich), Beitrag zu reaktivem Missbrauch, 2. September 2024 · narzissmus-coach.de, Glossar: Reactive Abuse · Greenberg, Psychology Today, Blogbeitrag zum „narcissistic victim syndrome“, Januar 2024 · EBSCO Research Starters, Grey rock method (grey rocking), 2024 · DomesticShelters, Using the grey rock method to avoid abuse · Britannica, Gas Light
Hilfsangebote (Stand 30.09.2026). Frauenhelpline gegen Gewalt · Männerinfo und gesundheit.gv.at, Krisentelefon · toolbox-opferschutz.at, Anlaufstellen österreichweit (für die Gewaltschutzzentren) · gesundheit.gv.at, Notrufnummern (Telefonseelsorge, Polizei)
In der Beratungs- und Ratgeberliteratur zu narzisstischem Missbrauch meint Schmierkampagne Folgendes: Nach einem Konflikt, einer Trennung oder einer Konfrontation erzählt eine Person anderen eine Fassung, in der die andere Person das Problem ist. Zuhörer sind Freunde, Verwandte, Kolleginnen und Kollegen, manchmal Ämter und Gerichte. Die Person, über die gesprochen wird, erfährt davon oft spät und aus zweiter Hand. Die Beschreibungen nennen wiederkehrende Züge: zuerst erzählen, jedem Zuhörer eine passende Fassung geben, seltsame Momente aus Gesprächen ohne ihre Vorgeschichte nacherzählen, wiederholen, Helfer gewinnen, die die Geschichte weitertragen (in dieser Literatur Flying Monkeys genannt). Bei einer Konfrontation folgt das Leugnen. Dieser Reiter geht die Züge einzeln durch und hält jeweils fest, was gemessen ist.
Weder Schmierkampagne noch Flying Monkeys sind Fachbegriffe. In dieser Recherche wurde keine Studie gefunden, die einen der beiden als eigenes Konstrukt misst (Websuche, keine Fachdatenbank; die Suche zu beiden Begriffen ist nicht vollständig). Die Bausteine sind einzeln untersucht: wie viel Menschen über Abwesende reden und wie bereitwillig Zuhörer es glauben (Robbins und Karan 2020; Dores Cruz u. a. 2021), wie schon eine Frage einem Ruf schadet (Wegner u. a. 1981; Letourneau und Gawronski 2024), wie Wiederholung eine Aussage wahrer erscheinen lässt (Hassan und Barber 2021), warum Richtigstellungen die Wirkung nicht ganz beseitigen (Walter und Tukachinsky 2020), wie das eigene Gedächtnis des Erzählenden nachgibt (Sedikides und Green 2004; Carlson u. a. 2020), wie Narzissmus mit dem Abwerten anderer einhergeht (Back u. a. 2013; Park und Colvin 2015) und wie Leugnen, Angreifen und das Umkehren von Opfer und Täter auf Lesende wirkt (Harsey und Freyd 2020). Der Ablauf als Ganzes ist ein Modell.
Zwei Dinge begrenzen das Muster. Erstens ist es nicht schon eine Schmierkampagne, anderen von einem Schaden zu erzählen. In Experimenten waren Menschen, die egoistisches Verhalten beobachtet hatten und den nächsten Mitspieler warnen konnten, danach weniger frustriert; die Autoren nennen das prosozialen Klatsch (Feinberg u. a. 2012, nach Sekundärquellen). Zweitens lässt sich der Vorwurf umdrehen. Jennifer Freyd, die den Begriff DARVO geprägt hat, weist darauf hin, dass auch eine unschuldige Person leugnen, angreifen und sich als Opfer darstellen kann; DARVO allein zeigt daher nicht, wer schuldig ist (Freyd, Definition von 2003). „Das ist eine Schmierkampagne“ ist ein Satz, den beide Seiten sagen können. Ob er zutrifft, lässt sich aus einer einzelnen Erzählung nicht ablesen, auch nicht aus der eigenen.
Belege. Robbins und Karan 2020; Dores Cruz u. a. 2021; Wegner u. a. 1981; Letourneau und Gawronski 2024; Hassan und Barber 2021; Walter und Tukachinsky 2020; Sedikides und Green 2004; Carlson u. a. 2020; Back u. a. 2013; Park und Colvin 2015; Harsey und Freyd 2020; Feinberg u. a. 2012. Sie stehen unten im Quellenblock und in den Karten.
Zur Lesart. Wie im Reiter Reaktiver Missbrauch heißt „nicht gefunden“: In dieser Recherche wurde nichts gefunden. Es heißt nicht, dass es nichts gibt. Beispiele ohne Quellenangabe sind erfunden. A und B sind Platzhalter: A erzählt, über B wird erzählt. In einem echten Fall können die Rollen auch umgekehrt sein.
Wählen Sie einen Zug. Gezeichnet ist ein Modell: achtzehn Menschen um A und B, aus Familie, Freundeskreis, Arbeit und Ämtern. Jeder Zug baut auf den vorigen auf. Das Beispiel ist erfunden; die Personen sind aus keiner Studie gezählt.
Gefüllt: kennt die Fassung von A, dunkler nach mehrfachem Hören. Halb gefüllt: kennt beide Fassungen. Quadrat: hat ein Zitat, einen Screenshot oder eine Aufnahme gesehen. Gestrichelter Ring: handelt als Helfer. Linien des gewählten Zuges sind dunkel, frühere blass.
Mittlerer Eindruck von erfundenen öffentlichen Personen nach einer Schlagzeile, Skala 0 (negativ) bis 10 (positiv), nichtpolitische Personen. Vorregistrierte Replikation in den USA mit 150 und 356 Erwachsenen (Letourneau und Gawronski 2024).
So lesen Sie das Diagramm. Eine Zeile je Art der Schlagzeile. Jeder Punkt ist der durchschnittliche Eindruck, den Lesende nach dieser Schlagzeile von der Person hatten: je weiter rechts, desto positiver der Eindruck. Der leere und der gefüllte Punkt sind zwei getrennte Experimente; die Zahlen neben den Punkten sind ihre genauen Durchschnitte.
| Schlagzeile | Exp. 1, M (SD) | Exp. 2, M (SD) |
|---|---|---|
| Neutral | 5,13 (1,52) | 5,35 (1,62) |
| Dementi | 4,96 (1,59) | 5,21 (1,68) |
| Frage | 4,80 (1,69) | 4,84 (1,71) |
| Behauptung | 4,20 (1,64) | 4,26 (1,76) |
Punkte statt Balken, weil die Achse bei 3,5 beginnt und nicht bei 0. Im Vergleich zur neutralen Schlagzeile, über alle Personen: Frage d = 0,42 und 0,41, Behauptung d = 0,72 und 0,66, Dementi d = 0,12 (nicht signifikant) und 0,16. Die Originalstudie von 1981 fand Frage und Behauptung schädlich, das Dementi nicht signifikant (Wegner u. a. 1981); eine ältere Replikation fand keinen Effekt (Leventhal und Gray 1991).
Mittleres Wahrheitsurteil über wahre Wissenssätze eine Woche nach dem Lesen, nach Zahl der früheren Lesungen, Skala 1 bis 6. Zwei Stichproben mit 51 und 57 Erwachsenen in den USA (Hassan und Barber 2021).
So lesen Sie das Diagramm. Ein Punkt je Zahl früherer Lesungen. Je höher ein Punkt, desto wahrer hielten die Lesenden die Aussage eine Woche später. Ganz links stehen Aussagen, die sie noch nicht gesehen hatten, weiter rechts solche, die sie einmal, dreimal bis zu 27 Mal gelesen hatten. Die Zahlen sind die durchschnittlichen Bewertungen auf der Skala von 1 (nicht wahr) bis 6 (sehr wahr).
| Frühere Lesungen | Exp. 1, M (SD) | Exp. 2, M (SD) |
|---|---|---|
| 0 (neu) | 3,76 (0,67) | 3,64 (0,65) |
| 1 | 4,27 (0,71) | 4,26 (0,83) |
| 3 | 4,51 (0,72) | – |
| 5 | 4,49 (0,71) | – |
| 7 | 4,49 (0,81) | – |
| 9 | 4,69 (0,72) | 4,78 (1,01) |
| 18 | – | 4,72 (1,02) |
| 27 | – | 4,87 (0,99) |
Die waagrechte Achse ist gestaucht, damit 0 bis 9 und 9 bis 27 lesbar bleiben; die senkrechte beginnt bei 3,5. Der größte Schritt liegt zwischen neu und einmal gelesen. Ab etwa neun Lesungen flachen die Urteile ab, bis 27 sanken sie nicht. Alle Aussagen waren wahr, gemessen ist also Plausibilität, keine falsche Geschichte.
Zusammenhang zwischen Narzissmus (NPI) und den Urteilen der anderen Gruppenmitglieder nach dem ersten und nach dem siebten wöchentlichen Treffen. 124 Studierende in 24 Gruppen in Kanada, Studie 1 (Paulhus 1998).
So lesen Sie das Diagramm. Jede Linie ist ein Zug, den die Gruppenmitglieder beurteilt haben. Das linke Ende zeigt den Zusammenhang nach dem ersten Treffen, das rechte Ende nach dem siebten. Eine Zahl über 0 heißt: Je narzisstischer eine Person war, desto höher beurteilte die Gruppe diesen Zug; unter 0: desto niedriger. Die Zahlen sind die Korrelation r, sie kann von −1 bis +1 reichen; 0 bedeutet keinen Zusammenhang.
| Urteil der Gruppenmitglieder | Treffen 1 | Treffen 7 |
|---|---|---|
| Extraversion | 0,35 | 0,25 |
| Verträglichkeit | 0,24 | −0,16 |
| Gewissenhaftigkeit | 0,15 | −0,08 |
| Emotionale Stabilität | 0,19 | −0,05 |
| Offenheit | 0,20 | 0,13 |
| Leistung | 0,33 | −0,01 |
| Anpassung | 0,30 | −0,08 |
Selbstwert herausgerechnet. Ab einem Betrag von 0,18 sind die Werte bei p < 0,05 signifikant. Eine zweite Studie mit 89 Studierenden zeigte denselben Bogen. Spätere Studien beschreiben denselben Verlauf: auf den ersten Blick beliebt, nach Wochen weniger; früh zählte selbstsicherer Charme, später feindseliges Verhalten (Back u. a. 2010; Leckelt u. a. 2015, nach Sekundärquellen). Lesart für diesen Reiter, eine Deutung: Wer A nur kurz kennt, sieht die erste Seite.
Wohlwollen gegenüber einem erfundenen Senator nach einem Bericht über seinen plötzlichen Rücktritt, Skala 1 bis 6, gezeigt bis 4. 987 Erwachsene in den USA, Oktober 2012 (Nyhan und Reifler 2015).
So lesen Sie das Diagramm. Ein Punkt je Fassung der Meldung. Je weiter rechts (je höher die Zahl), desto wohlwollender sahen die Lesenden den Senator. Kontrolle heißt: keine Andeutung. Die Zahlen sind die durchschnittlichen Bewertungen auf der Skala von 1 bis 6.
| Bedingung | Wohlwollen (1 bis 6) | Bestechung wahrscheinlich (1 bis 5) |
|---|---|---|
| Ohne Andeutung (Kontrolle) | 2,75 | 2,86 |
| Andeutung von Bestechung | 2,17 | 3,65 |
| Andeutung, dann Dementi | 2,36 | 3,41 |
| Andeutung, dann der wahre Grund | 2,83 | 2,93 |
Ein Dementi allein reparierte den Schaden nur zum Teil. Erst die Nennung dessen, was wirklich geschehen war (er war Präsident einer Universität geworden), brachte das Urteil auf das Niveau der Kontrollgruppe zurück; dasselbe galt dafür, für wie wahrscheinlich Lesende eine Bestechung hielten (Kontrolle 2,86, Andeutung 3,65, Dementi 3,41, wahrer Grund 2,93 auf einer Skala von 1 bis 5). Über 32 Studien behielt eine Falschinformation nach der Richtigstellung eine kleine Wirkung (r = −0,05). Sie war größer, wenn die Falschinformation aus einer glaubwürdigen Quelle stammte oder wiederholt worden war. Sie verschwand, wenn die Richtigstellung aus derselben Quelle kam (Walter und Tukachinsky 2020).
„Das ist nie passiert“ kann dreierlei bedeuten. Von außen ist das schwer zu unterscheiden. Eine Lüge: A weiß, dass es geschehen ist. Ein Gedächtnis, das nachgegeben hat: A erinnert sich nicht mehr so daran, wie es war. Eine Rechtfertigung: A erinnert sich, sieht es aber anders.
Die zweite Art ist gemessen. In Experimenten von Sedikides und Green lasen Versuchspersonen Verhaltensweisen, die angeblich sie selbst oder eine erfundene andere Person beschrieben. Später sollten sie sie aus dem Gedächtnis nennen. Negative Verhaltensweisen zu zentralen Eigenschaften wurden schlechter erinnert, wenn sie einen selbst betrafen: 25 Prozent gegenüber 38 Prozent bei der anderen Person (304 Studierende in den USA; Sedikides und Green 2004). Beim Wiedererkennen verschwand der Unterschied: Die Information war gespeichert, kam aber schwerer zurück. Die Autoren nennen das Mnemic Neglect; es wurde unter anderem nach Selbstbestätigung kleiner (Sedikides u. a. 2016, Übersicht). Ob Narzissmus es verstärkt, ist nach den Autoren eine offene Frage (Sedikides und Green 2009). Die falsch erinnerten Geldbeträge bei Carlson u. a. (2020) weisen in dieselbe Richtung (Zug 3).
Die dritte Art hat eine klassische Beschreibung. Sykes und Matza (1957) beschrieben fünf Wege, auf denen jugendliche Straftäter ihre Schuld neutralisierten (Neutralisierungstechniken); Bandura beschrieb später acht Mechanismen der moralischen Entkopplung: moralische Rechtfertigung, beschönigende Benennung, vorteilhafter Vergleich, Verschiebung und Verteilung der Verantwortung, Missachtung oder Verzerrung der Folgen, Entmenschlichung und Schuldzuschreibung (Bandura u. a. 1996). Die Tabelle wendet die fünf Techniken auf erfundene Sätze aus einem Streit an.
| Technik | Bedeutung | Klingt so (erfunden) |
|---|---|---|
| Verneinung der Verantwortung | Es lag nicht an mir | „Du hast mich dazu gebracht.“ |
| Verneinung des Schadens | Es ist nichts Schlimmes passiert | „Ich habe nur gesagt, was alle gesehen haben. Niemandem ist etwas passiert.“ |
| Ablehnung des Opfers | Die andere Person hat es verdient | „Nach dem, was B getan hat, kann sich B kaum beschweren.“ |
| Verdammung der Verdammenden | Wer kritisiert, ist schlimmer | „Wer bist du, über mich zu urteilen? Du hast mich nie gemocht.“ |
| Berufung auf höhere Loyalitäten | Es diente etwas Wichtigerem | „Ich musste die Familie warnen.“ |
Sykes und Matza untersuchten jugendliche Straftäter, Bandura Menschen, die schweren Schaden anrichteten. Die Übertragung auf Streit in Paaren und Familien ist eine Deutung dieser Seite (Sykes und Matza nicht im Original gelesen; Bezeichnungen nach einem Lexikoneintrag). Die Antwort, die Leugnen mit Angriff verbindet, heißt DARVO (Zug 6 und Reaktiver Missbrauch); was die Forschung zu Leugnen, Verharmlosen und Beschuldigen bei Gewalttätern fand, steht in Selbstbild und Fremdbild.
Die Narzissmusforschung unterscheidet zwei Seiten. Die Bewunderung will glänzen. Die Rivalität schützt das Selbst, indem sie andere abwertet; das Abwerten anderer ist eine ihrer drei Facetten, neben dem Streben nach Überlegenheit und der Aggressivität (Back u. a. 2013). In einem Szenario, in dem ein guter Freund schlecht über die Versuchsperson geredet hatte, ging Rivalität mit dem Wunsch nach Rache einher (r = 0,35), Bewunderung nicht (r = 0,10; Back u. a. 2013, Studie 5).
In drei Studien in den USA ging Narzissmus damit einher, andere Menschen negativer zu beurteilen, auch ohne vorherige Bedrohung (zusammengefasst r = 0,22; Park und Colvin 2015). Nach einer Kränkung werteten Menschen mit hohem Narzissmus ihre Beurteiler ab, gleich ob diese hohen oder niedrigen Status hatten (Horton und Sedikides 2009, Zusammenfassung). Sie waren weniger bereit, sich zu entschuldigen (r = −0,37 und −0,33 in zwei Studien mit 191 und 202 Erwachsenen); in einer vierten Studie mit 282 Erwachsenen galt das für die Rivalität und nicht für die Bewunderung. Der Zusammenhang lief über weniger Empathie und weniger Schuldgefühl (Leunissen u. a. 2017). In einer Onlinestudie mit 372 Erwachsenen gingen Narzissmus und Psychopathie mit Klatsch einher, der andere negativ beeinflussen soll; wurde die Überschneidung der Merkmale herausgerechnet, blieb nur eine Form der Psychopathie übrig (Lyons und Hughes 2015, Zusammenfassung).
Die Befunde haben Grenzen. In einer registrierten Studie mit 422 Personen in 54 konkurrierenden Gruppen sagte Rivalität über die anderen Merkmale hinaus nicht vorher, wer anderen die Schuld an einem Misserfolg gab (Kraft u. a. 2024, Zusammenfassung). Stellten sich Versuchspersonen die Untreue ihres Partners vor, sagte Machiavellismus über Macht- und Gerechtigkeitsziele die Wahrscheinlichkeit von Rache vorher; für Narzissmus fand sich kein solcher Weg (Rasmussen und Boon 2013, 165 Studierende in Kanada). Nach Trennungen gaben 0,8 Prozent derer, die verlassen worden waren, an, schädliche Informationen über den früheren Partner verbreitet zu haben; 1,9 Prozent derer, die die Beziehung beendet hatten, berichteten, dass ihnen das widerfahren sei (Langhinrichsen-Rohling u. a. 2000, 282 Studierende in den USA, Narzissmus nicht gemessen). Keine Studie misst Schmierkampagnen von Menschen mit narzisstischen Zügen als solche.
Nicht jede negative Erzählung ist eine Kampagne, nicht jede Warnung böswillig. Die folgenden Fragen sind für diese Seite aus den Befunden oben zusammengestellt; sie sind keine geprüfte Skala und keine Diagnose. Sie gelten für jede Erzählung, die eigene eingeschlossen:
Warnungen, die bestimmte Ereignisse nennen, eine Antwort zulassen und nichts verlangen, tragen die Merkmale dessen, was die Forschung prosozialen Klatsch nennt (Deutung, nach Feinberg u. a. 2012). Wer die Fragen nur über die andere Seite beantwortet, hat sie nicht beantwortet.
Aufschreiben. Wer hat was wann und über wen gesagt. Nachrichten vollständig aufheben, nicht als Ausschnitt (Beratungspraxis; zum Dokumentieren von Missbrauch siehe Reaktiver Missbrauch).
Erzählen, was geschehen ist, nicht nur, dass es falsch ist. Im Experiment von Nyhan und Reifler (2015) reparierte ein Dementi den Schaden nur zum Teil, der wahre Grund ganz. Leitfäden für Richtigstellungen empfehlen dasselbe: zuerst die Tatsachen nennen, die falsche Behauptung einmal erwähnen, erklären, warum sie falsch ist (Lewandowsky u. a. 2020, Debunking Handbook).
Den Kreis wählen. Wenige Menschen, auf die es ankommt, ruhig und konkret. Eine eigene Kampagne lässt den Konflikt für Zuhörer gegenseitig aussehen. Aussagen über andere können zudem für beide Seiten rechtliche Folgen haben (Deutung; Recht siehe unten).
Unterstützung holen. Die Hilfenummern unten und im Reiter Reaktiver Missbrauch.
Nicht weitergeben und keine Botschaften überbringen.
B anhören, bevor Sie urteilen. Nach ganzen Gesprächen fragen.
Quellen zählen, nicht Wiederholungen.
Das Muster zu kennen hilft ein wenig. In einem Experiment mit 360 Studierenden, die alle einen Fall mit einer DARVO-Antwort lasen, hielten jene, die zusätzlich eine kurze Erklärung von DARVO gelesen hatten, den Beschuldigten für weniger glaubwürdig und das Opfer für weniger übergriffig; die Effekte waren klein (partielles η² von 0,014 bis 0,051) und es gab keinen Vergleichsfall ohne DARVO (Harsey und Freyd 2020).
Am Arbeitsplatz heißen dieselben Züge Mobbing, wenn sie systematisch sind und andauern. Heinz Leymann legte die Schwelle statistisch bei mindestens einmal pro Woche über mindestens sechs Monate fest und listete 45 Handlungen in fünf Gruppen auf; eine Gruppe sind Angriffe auf das soziale Ansehen, darunter das Verbreiten von Gerüchten (Leymann 1996; deutsche Gruppennamen nach der Arbeiterkammer Niederösterreich). Eine Metaanalyse von 86 Stichproben mit mehr als 130.000 Befragten fand 11,3 Prozent bei Selbsteinordnung anhand einer vorgegebenen Definition, 14,8 Prozent beim Zählen von Verhaltensweisen und 18,1 Prozent bei Selbsteinordnung ohne Definition (Nielsen u. a. 2010, nach drei Sekundärquellen). In Österreich nannten 3,2 Prozent der Erwerbstätigen Mobbing oder Belästigung als Risiko für ihre psychische Gesundheit am Arbeitsplatz (Statistik Austria, Arbeitskräfteerhebung 2020, Sondermodul, nach der Arbeiterkammer).
In Österreich ist Mobbing kein eigener Straftatbestand; das Strafrecht bestraft einzelne Taten (Arbeiterkammer Niederösterreich). Zivilrechtlich hat der Arbeitgeber eine Fürsorgepflicht (§ 1157 ABGB, § 18 AngG). Nach dem Obersten Gerichtshof muss er dafür sorgen, dass die Persönlichkeitssphäre eines Arbeitnehmers nicht durch unsachliche Belästigungen durch andere Arbeitnehmer beeinträchtigt wird. Geschieht das, muss er rasch Abhilfe schaffen; eine schuldhafte Verletzung kann zu Schadenersatz führen (Rechtssatz RS0119353, zuerst 8 ObA 3/04f). Das Gericht beschreibt Mobbing als systematisches, ausgrenzendes und prozesshaftes Geschehen über einen längeren Zeitraum und nennt Rufschädigung unter seinen Formen (1 Ob 39/21y).
Zwischen Unternehmen gilt eine eigene Regel. Wer zu Zwecken des Wettbewerbs über das Unternehmen eines anderen Tatsachen behauptet oder verbreitet, die den Betrieb oder den Kredit des Inhabers schädigen können, haftet für Schadenersatz, sofern die Tatsachen nicht erweislich wahr sind; der Verletzte kann auch Unterlassung sowie Widerruf und dessen Veröffentlichung verlangen (§ 7 UWG).
Was greifen kann, wenn jemand bei anderen schlechtgemacht wird; Wortlaut am 6. Oktober 2026 im Rechtsinformationssystem RIS gelesen. Das ist eine Information, keine Rechtsberatung: Ob etwas im Einzelfall zutrifft, klären Rechtsberatung und Gerichte.
| Bestimmung | Worum es geht | Folge |
|---|---|---|
| § 111 StGB, Üble Nachrede | Jemanden für einen Dritten wahrnehmbar einer verächtlichen Eigenschaft oder Gesinnung zeihen oder eines unehrenhaften Verhaltens beschuldigen, das ihn in der öffentlichen Meinung verächtlich machen oder herabsetzen kann. | Bis zu sechs Monate oder 360 Tagessätze; in einem Druckwerk, im Rundfunk oder sonst einer breiten Öffentlichkeit zugänglich bis zu einem Jahr oder 720 Tagessätze. Straflos, wenn die Behauptung als wahr erwiesen wird; im einfachen Fall auch bei hinreichenden Gründen, sie für wahr zu halten. Verfolgung nur auf Verlangen der verletzten Person (§ 117). |
| § 115 StGB, Beleidigung | Jemanden öffentlich oder vor mehr als zwei anderen Personen beschimpfen, verspotten, am Körper misshandeln oder mit einer Misshandlung bedrohen. | Bis zu drei Monate oder 180 Tagessätze; Verfolgung auf Verlangen der verletzten Person. |
| § 152 StGB, Kreditschädigung | Unrichtige Tatsachen behaupten und dadurch den Kredit, den Erwerb oder das berufliche Fortkommen eines anderen schädigen oder gefährden. | Bis zu sechs Monate oder 360 Tagessätze; nur auf Verlangen der verletzten Person. |
| § 297 StGB, Verleumdung | Jemanden wissentlich falsch einer von Amts wegen zu verfolgenden strafbaren Handlung oder der Verletzung einer Amts- oder Standespflicht verdächtigen und ihn so der Gefahr behördlicher Verfolgung aussetzen. | Bis zu einem Jahr oder 720 Tagessätze; ist die angelastete Tat mit mehr als einem Jahr bedroht, sechs Monate bis fünf Jahre. |
| § 107c StGB, Fortdauernde Belästigung im Wege einer Telekommunikation oder eines Computersystems | Seit 2021: eine strafbare Handlung gegen die Ehre oder Tatsachen und Bilder des höchstpersönlichen Lebensbereichs ohne Zustimmung, für eine größere Zahl von Menschen längere Zeit wahrnehmbar, in einer Weise, die die Lebensführung unzumutbar beeinträchtigen kann. | Bis zu einem Jahr oder 720 Tagessätze; bis zu drei Jahre, wenn es länger als ein Jahr dauert oder einen Suizid oder Suizidversuch zur Folge hat. |
| § 1330 ABGB, Zivilrecht | Schadenersatz bei Ehrenbeleidigung. Bei Verbreitung unwahrer Tatsachen, die Kredit, Erwerb oder Fortkommen gefährden, wenn die Unwahrheit bekannt war oder bekannt sein musste, auch Widerruf und dessen Veröffentlichung. Eine Ausnahme von der Haftung besteht nur unter engen Voraussetzungen: Die Mitteilung war nicht öffentlich, der Mitteilende kannte die Unwahrheit nicht, und er oder der Empfänger hatte ein berechtigtes Interesse an ihr. | Zivilrechtlicher Anspruch. |
| § 549 ZPO, seit 2021 | Schnelles Verfahren gegen erhebliche Verletzungen von Persönlichkeitsrechten im Internet, die eine natürliche Person in ihrer Menschenwürde beeinträchtigen: Das Gericht erlässt einen Unterlassungsauftrag ohne mündliche Verhandlung; Einwendungen binnen 14 Tagen. | Gerichtsgebühr 148 Euro (Justizministerium, Stand 1. August 2026); kein Anwalt nötig. |
| § 71 StPO | Bei übler Nachrede und Beleidigung über Telekommunikation oder ein Computersystem kann das Gericht auf Antrag helfen, den Verdächtigen auszuforschen. | Die Privatanklage ist dann binnen sechs Wochen nach der Auskunft einzubringen. |
Verjährung bei Taten mit höchstens sechs Monaten Strafdrohung: ein Jahr (§ 57 StGB). Zivilrechtlich gilt eine enge Ausnahme von der Haftung (§ 1330 Abs. 2 letzter Satz): Sie setzt voraus, dass die Mitteilung nicht öffentlich war, der Mitteilende die Unwahrheit nicht kannte und er oder der Empfänger ein berechtigtes Interesse hatte. Ob das im Einzelfall zutrifft, klären Rechtsberatung und Gerichte. Vor breiter Öffentlichkeit schützt der gute Glaube strafrechtlich nicht (§ 111 Abs. 3). In Deutschland gelten §§ 186 (Üble Nachrede) und 187 StGB (Verleumdung), mit höheren Strafen bei öffentlicher Begehung (Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages 2022).
Quellen. Titel, Zeitschrift, Band und Seiten stehen, wo sie an der Originalseite oder in einer Fassung der Autoren gelesen wurden; sonst stehen nur Autoren, Zeitschrift und Jahr. Gelesen am 6. Oktober 2026.
Reden über andere. Robbins & Karan, Who gossips and how in everyday life?, Social Psychological and Personality Science 11(2), 185 bis 195 (2020) (Zusammenfassung gelesen, dazu die Pressemitteilung der University of California, Riverside) · Dores Cruz et al., Philosophical Transactions of the Royal Society B 376(1838), Artikel 20200301 (2021) · Feinberg, Willer, Stellar & Keltner, The virtues of gossip: Reputational information sharing as prosocial behavior, Journal of Personality and Social Psychology 102(5), 1015 bis 1030 (2012) (nach Berkeley News und weiteren Sekundärquellen) · Lyons & Hughes, Malicious mouths? The Dark Triad and motivations for gossip, Personality and Individual Differences 78, 1 bis 4 (2015) (Zusammenfassung gelesen)
Andeutung, Wiederholung und Richtigstellung. Wegner, Wenzlaff, Kerker & Beattie, Incrimination through innuendo: Can media questions become public answers?, Journal of Personality and Social Psychology 40(5), 822 bis 832 (1981) (der Scan in Wegners Publikationsliste ist nicht maschinenlesbar; beschrieben nach der Replikation) · Letourneau & Gawronski, Social Psychology 55(1), 51 bis 61 (2024), Fassung der Autoren · Leventhal & Gray, Psychological Reports 69(3), 801 bis 802 (1991) (Zusammenfassung gelesen) · Kassin, Williams & Saunders, Law and Human Behavior 14(4), 373 bis 384 (1990) (Zusammenfassung gelesen) · Hasher, Goldstein & Toppino, Journal of Verbal Learning and Verbal Behavior 16(1), 107 bis 112 (1977) (Zusammenfassung gelesen) · Dechêne, Stahl, Hansen & Wänke, Personality and Social Psychology Review 14(2), 238 bis 257 (2010) (nach Sekundärquellen) · Fazio, Brashier, Payne & Marsh, Knowledge does not protect against illusory truth, Journal of Experimental Psychology: General 144(5), 993 bis 1002 (2015) (Zusammenfassung gelesen) · Hassan & Barber, The effects of repetition frequency on the illusory truth effect, Cognitive Research: Principles and Implications 6, Artikel 38 (2021) · Henderson, Simons & Barr, Journal of Cognition 4(1) (2021) · Ye et al., Nature Communications 17, Artikel 3270 (2026) · Walter & Tukachinsky, A meta-analytic examination of the continued influence of misinformation in the face of correction, Communication Research 47(2), 155 bis 177 (2020) (angenommenes Manuskript) · Nyhan & Reifler, Displacing misinformation about events: An experimental test of causal corrections, Journal of Experimental Political Science 2(1), 81 bis 93 (2015) · Lewandowsky et al., The Debunking Handbook 2020
Erster Eindruck und Narzissmus. Paulhus, Interpersonal and intrapsychic adaptiveness of trait self-enhancement: A mixed blessing?, Journal of Personality and Social Psychology 74(5), 1197 bis 1208 (1998) · Back, Schmukle & Egloff, Why are narcissists so charming at first sight?, Journal of Personality and Social Psychology 98(1), 132 bis 145 (2010) (nach Sekundärquellen) · Leckelt, Küfner, Nestler & Back, Behavioral processes underlying the decline of narcissists’ popularity over time, Journal of Personality and Social Psychology 109(5), 856 bis 871 (2015) (nach Sekundärquellen) · Back, Küfner, Dufner, Gerlach, Rauthmann & Denissen, Narcissistic admiration and rivalry: Disentangling the bright and dark sides of narcissism, Journal of Personality and Social Psychology 105(6), 1013 bis 1037 (2013) · Park & Colvin, Journal of Personality 83(3) (2015) · Horton & Sedikides, Narcissistic responding to ego threat: When the status of the evaluator matters, Journal of Personality 77(5), 1493 bis 1526 (2009) (Zusammenfassung gelesen) · Leunissen, Sedikides & Wildschut, Why narcissists are unwilling to apologize: The role of empathy and guilt, European Journal of Personality 31(4), 385 bis 403 (2017) · Kraft et al., European Journal of Personality 38(3) (2024) (Zusammenfassung gelesen) · Rasmussen & Boon, Personality and Individual Differences 55(8), 938 bis 943 (2013) · Langhinrichsen-Rohling, Palarea, Cohen & Rohling, Violence and Victims 15(1), 73 bis 90 (2000)
Leugnen und Gedächtnis. Sedikides & Green, Social Cognition 22(1), 4 bis 29 (2004) · Sedikides & Green, Social and Personality Psychology Compass 3(6), 1055 bis 1068 (2009) · Sedikides, Green, Saunders, Skowronski & Zengel, Mnemic neglect: Selective amnesia of one’s faults, European Review of Social Psychology 27(1), 1 bis 62 (2016) · Carlson, Maréchal, Oud, Fehr & Crockett, Motivated misremembering of selfish decisions, Nature Communications 11, Artikel 2100 (2020) · Sykes & Matza, Techniques of neutralization: A theory of delinquency, American Sociological Review 22(6), 664 bis 670 (1957) (nicht im Original gelesen; nach Copes & Maruna, Lexikoneintrag, SAGE 2010) · Bandura, Barbaranelli, Caprara & Pastorelli, Mechanisms of moral disengagement in the exercise of moral agency, Journal of Personality and Social Psychology 71(2), 364 bis 374 (1996) · Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse, Aphorismus 68 (1886)
DARVO. Freyd, Violations of power, adaptive blindness, and betrayal trauma theory, Feminism & Psychology 7, 22 bis 32 (1997) (nicht im Original gelesen) · Freyd, DARVO (Webseite) und Definition von 2003 (Repositorium der University of Oregon) · Harsey, Zurbriggen & Freyd, Perpetrator responses to victim confrontation: DARVO and victim self-blame, Journal of Aggression, Maltreatment & Trauma 26(6), 644 bis 663 (2017) (Zahlen aus dem Poster der Autorinnen von 2016) · Harsey & Freyd, Deny, attack, and reverse victim and offender (DARVO): What is the influence on perceived perpetrator and victim credibility?, Journal of Aggression, Maltreatment & Trauma 29(8), 897 bis 916 (2020) · Rosenthal & Freyd, Journal of Aggression, Maltreatment & Trauma 31(4), 459 bis 477 (2022)
Missbrauch nach Trennungen, Verfahren, verwandte Begriffe. Spearman, Hardesty & Campbell, Post-separation abuse: A concept analysis, Journal of Advanced Nursing 79(4), 1225 bis 1246 (2023) (nach Child Justice und einer weiteren Sekundärquelle) · Douglas, Legal systems abuse and coercive control, Criminology & Criminal Justice 18(1), 84 bis 99 (2018) (Fassung der Autorin) · Crick & Grotpeter, Relational aggression, gender, and social-psychological adjustment, Child Development 66(3), 710 bis 722 (1995) (nicht im Original gelesen) · Baum, The Wonderful Wizard of Oz (1900), Herkunft der geflügelten Affen und der goldenen Kappe (in dieser Recherche nicht eingesehen)
Arbeit. Leymann, The content and development of mobbing at work, European Journal of Work and Organizational Psychology 5(2), 165 bis 184 (1996) (gelesen in einer spanischen Übersetzung) · Arbeiterkammer Niederösterreich, Broschüre Mobbing (2023) · Nielsen, Matthiesen & Einarsen, The impact of methodological moderators on prevalence rates of workplace bullying. A meta-analysis, Journal of Occupational and Organizational Psychology 83(4), 955 bis 979 (2010) (nach Sekundärquellen, darunter Lange u. a. 2019) · Statistik Austria, Arbeitskräfteerhebung 2020, Sondermodul, nach Arbeiterkammer Wien · Arbeiterkammer, Mobbing (Informationsseite) · OGH, Rechtssatz RS0119353 (zuerst 8 ObA 3/04f, 26. August 2004) und 1 Ob 39/21y (21. April 2021)
Recht. Rechtsinformationssystem RIS, gelesen am 6. Oktober 2026: § 111 StGB, § 115 StGB, § 117 StGB, § 152 StGB, § 297 StGB, § 107c StGB, § 57 StGB, § 71 StPO, § 1330 ABGB, § 1157 ABGB, § 7 UWG, BGBl. I Nr. 148/2020 (HiNBG, § 549 ZPO) · § 18 AngG, Forum Media (sekundär) · Bundesministerium für Justiz, Das Mandatsverfahren (Gebühr Stand 1. August 2026) · Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, WD 7 052/22 (2022)
Hilfsangebote (Stand 6. Oktober 2026). Opfer-Notruf (Justizministerium, betrieben vom WEISSER RING) · ZARA, Beratung · 147 Rat auf Draht · weitere Nummern im Reiter Reaktiver Missbrauch
Klicken Sie ein Feld an. Gezeichnet ist ein Modell davon, wie viel Platz jeder der vier Schritte in der Erzählung einer Seite bekommt. Die Töne zeigen den Platz in der Erzählung, nicht, wie viel geschah. Die Beispielsätze sind erfunden und zeigen nur, wie ein Schritt klingen kann.
Grundlage sind vor allem Laborstudien, in denen Versuchspersonen eine Geschichte aus der Rolle des Verursachers oder des Verletzten nacherzählten, dazu Studien zu Zuschreibung und ein Bericht zur Polizeipraxis (nach der Kurzfassung). Die Abstracts der gelesenen Studien sagen nicht, wie oft jemand absichtlich weglässt. Zum Ablauf als Ganzem wurde in dieser Recherche keine Studie gefunden. „Nicht gefunden“ heißt hier: in einer Websuche ohne Fachdatenbank nichts gefunden, nicht: gibt es nicht.
Kein Blickwinkel sieht einen Menschen vollständig. In einer Studie mit 165 Studierenden wurden die Urteile der Personen selbst, ihrer Freunde und von Fremden mit Verhalten und Testwerten aus dem Labor verglichen. Sie prüfte das Modell der Selbst-Fremd-Wissens-Asymmetrie (englisch self-other knowledge asymmetry, SOKA): Danach urteilt das Selbst bei schwer beobachtbaren Merkmalen wie der Ängstlichkeit besser, andere bei stark bewerteten Merkmalen wie der Intelligenz. Die Ergebnisse passten dazu, aber nicht bei jedem Merkmal gleich deutlich: Je nach Merkmal lag das Selbsturteil vorn, das Urteil der Freunde oder keiner der Blickwinkel. Der höchste Wert lag bei 0,36; das ist der Mittelwert der Urteile von vier Freunden bei Intelligenz, ein einzelner Freund kam auf 0,27 (Vazire 2010; die Werte je Merkmal zeigt die Grafik unten). Gemittelt über 22 Metaanalysen liegt der Zusammenhang zwischen der Selbsteinschätzung von Fähigkeiten und gemessener Leistung (Testwerte, Noten, Beurteilungen durch Vorgesetzte) bei r = 0,29, bei einer Spanne von 0,09 bis 0,63 (Zell und Krizan 2014).
Im Durchschnitt stufen sich Menschen im Vergleich mit anderen besser ein (Besser-als-der-Durchschnitt-Effekt). In 124 Artikeln mit 291 Stichproben und mehr als 950.000 Teilnehmenden zeigte er sich mit dz = 0,78, stärker bei Eigenschaften als bei Fähigkeiten und in europäisch-amerikanischen Stichproben stärker als in ostasiatischen (Zell u. a. 2020). Ähnlich schrieben Versuchspersonen in 266 Studien positive Ereignisse im Mittel eher inneren, stabilen und globalen Ursachen zu als negative (d = 0,96); der Effekt war in US-Stichproben stärker (d = 1,05) als in asiatischen (d = 0,30); bei Depression, Angst und ADHS war er kleiner (Mezulis u. a. 2004). Und Versuchspersonen hielten sich für weniger voreingenommen als den durchschnittlichen Amerikaner, Seminarteilnehmende und Flughafenreisende (blinder Fleck, englisch bias blind spot; Pronin u. a. 2002).
Andere sehen manches besser. Nach einer Übersicht trifft das Selbstbild im Großen und Ganzen, enthält aber wichtige Auslassungen. Bei Merkmalen, die stark erwünscht oder unerwünscht sind, können andere besser urteilen, weil dort Motive das Selbstbild verzerren können (Vazire und Carlson 2011). Eine Arbeit mit drei Metaanalysen (zusammen 263 Stichproben, 44.178 beurteilte Personen) fand: Wenn das Kriterium Studien- oder Berufsleistung war, sagten Urteile Dritter deutlich besser voraus als Selbsturteile und über diese hinaus (Connelly und Ones 2010). In einer Stichprobe von 991 Erwachsenen im Alter von 55 bis 65 Jahren sagten Big-Five-Urteile von Ehepartnern, Angehörigen und Freunden die Werte für nach außen gerichtete und/oder antagonistische Persönlichkeitsstörungen besser voraus als Selbsturteile; bei den meisten nach innen gerichteten Störungen lagen die Selbsturteile vorn. Das Kriterium war ein Verbund, in den auch Berichte Dritter eingingen (Carlson u. a. 2013).
Die Rolle färbt die Erzählung. In drei Studien lasen Versuchspersonen eine Geschichte und erzählten sie aus der Rolle des Verursachers oder des Verletzten nach. Wer die Rolle des Verursachers einnahm, betonte mildernde Umstände und das eigene Wohlwollen und ließ Schwere und Verantwortung eher weg. Wer die Rolle des Verletzten einnahm, betonte die Schwere und spielte Gutes am anderen herunter. Beide Rollen wichen etwa gleich stark von einer Kontrollgruppe ab, vor allem durch Weglassen (Stillwell und Baumeister 1997). In einer Studie zu Paarbeziehungen nahmen Verletzte weniger Verharmlosendes in ihren Bericht auf als Verursacher, stellten das Ereignis aber nicht als schlimmer dar (Kearns und Fincham 2005).
Auch die Wahrnehmung von Absichten kann gefärbt sein. Bei Kindern hing aggressives Verhalten damit zusammen, Gleichaltrigen eher feindliche Absichten zu unterstellen: Eine Metaanalyse mit 41 Studien und 6.017 Teilnehmenden fand diesen Zusammenhang, stärker bei schwerer Aggression (De Castro u. a. 2002). Schon Dodge und Coie (1987) fanden solche Verzerrungen bei Kindern in Gleichaltrigengruppen mit reaktiver, nicht mit proaktiver Aggression. Die gelesenen Abstracts betreffen Kinder. Zu Erwachsenen in Beziehungen wurde in dieser Recherche keine Studie gelesen. Übertragen hieße das nicht, dass der Eindruck, absichtlich gereizt zu werden, falsch wäre. Es hieße, dass er allein kein Beleg ist und einen Blick von außen braucht. Auch Außenstehende können verzerrt urteilen.
Wie eng hängt ein Urteil über einen Menschen mit dem zusammen, was in Aufgaben gemessen wurde? Je länger der Balken, desto genauer ist das Urteil. Eine Studie, 165 Studierende (Vazire 2010).
Was die Grafik zeigt: Kein Balken liegt über 0,36; der höchste ist das Mittel aus vier Freundesurteilen. Bei der Ängstlichkeit lag das Selbsturteil vorn (0,35 gegenüber 0,19 beim Freundesmittel), beim Selbstwert etwa gleichauf mit dem Freundesmittel (0,31 gegenüber 0,29). Beim Denken traf das Urteil von Freunden besser, bei der Intelligenz mit kleinem Abstand zum Selbsturteil (0,36 gegenüber 0,22), bei der Kreativität mit größerem (0,27 gegenüber 0,11). Beim Auftreten erreichten alle drei Blickwinkel eine gewisse Genauigkeit, nur das Selbsturteil bei der Führung nicht (0,13, gegenüber 0,24 bei Freunden und 0,21 bei Fremden). Beim Auftreten insgesamt war kein Blickwinkel deutlich besser als die anderen.
Was sie nicht zeigt: Die Balken für Freunde und Fremde sind Mittel aus mehreren Urteilen und haben dadurch einen statistischen Vorteil gegenüber dem einen Selbsturteil. Ein einzelner Freund lag niedriger als das Freundesmittel: bei Intelligenz bei 0,27 (Mittel 0,36), bei Kreativität bei 0,17 (Mittel 0,27) und bei Ängstlichkeit bei 0,12 (Mittel 0,19). Maßstab waren Verhalten und Testwerte aus dem Labor: eine kurze Rede, eine zehnminütige Gruppendiskussion ohne Leitung, ein Intelligenztest und ein Kreativitätstest. Die Teilnehmenden waren Studierende. Das ist ein Befund, kein repräsentativer Querschnitt. Die Gruppennamen Gefühlslage, Auftreten und Denken sind Bezeichnungen dieser Seite; im Aufsatz heißen die Gruppen Neurotizismus, Extraversion und Intellekt. Dass Dritte manches besser beurteilen als man selbst, deckt sich mit einer Übersicht, an der Vazire selbst beteiligt war (Vazire und Carlson 2011), sowie mit drei Metaanalysen, in denen Urteile Dritter Studien- und Berufsleistung besser voraussagten als Selbsturteile und über diese hinaus (Connelly und Ones 2010; zusammen 263 Stichproben, 44.178 beurteilte Personen).
| Merkmal | Selbst | Freunde gemittelt | Ein Freund | Fremde gemittelt | Ein Fremder |
|---|---|---|---|---|---|
| Selbstwert | 0,31 | 0,29 | 0,18 | 0,15 | 0,07 |
| Ängstlichkeit | 0,35 | 0,19 | 0,12 | 0,06 | 0,00 |
| Gesprächigkeit | 0,20 | 0,20 | 0,17 | 0,26 | 0,21 |
| Dominanz | 0,18 | 0,19 | 0,15 | 0,22 | 0,15 |
| Führung | 0,13 | 0,24 | 0,17 | 0,21 | 0,16 |
| Kreativität | 0,11 | 0,27 | 0,17 | 0,11 | 0,07 |
| Intelligenz | 0,22 | 0,36 | 0,27 | 0,01 | 0,01 |
Vazire (2010), Tabelle 6, Rohkorrelationen, 165 Studierende. „Ein Freund“ und „ein Fremder“ sind Mittel aus 15 Wiederholungen mit je einer zufällig gewählten Person. Die Gruppennamen Gefühlslage, Auftreten und Denken sind Bezeichnungen dieser Seite; im Aufsatz heißen die Gruppen Neurotizismus, Extraversion und Intellekt.
„Fehlende Selbstreflexion“ ist ein populärer Begriff, kein Forschungsbefund. Zu Narzissmus und Selbsteinsicht liegen Studien vor; was sie zeigen, ist enger begrenzt. Die hier herangezogenen Studien messen Narzissmus als Persönlichkeitszug, überwiegend in nichtklinischen Stichproben und oft an Studierenden, nicht als Diagnose. Aus einem durchschnittlichen Zusammenhang lässt sich nicht auf einen einzelnen Menschen schließen.
Selbstüberhöhung ist belegt, am stärksten bei den Eigenschaften, die die Studie „agentisch“ nennt, also solchen, die auf Macht und Leistung bezogen sind. Eine Metaanalyse mit 36 Studien und 6.423 Personen verglich Selbstauskünfte mit Urteilen Dritter oder objektiven Maßen und fand einen um die Messungenauigkeit des Narzissmus korrigierten Zusammenhang von r = 0,21 zwischen Narzissmus und Selbstüberhöhung. Bei agentischen Eigenschaften war er 0,29, bei gemeinschaftsbezogenen, die auf Nähe und Zugehörigkeit bezogen sind, 0,05 und dort nicht sicher von null verschieden (Grijalva und Zhang 2016). Untersucht wurden zehn Bereiche, darunter die Big Five, Aufgabenleistung, Intelligenz, Führung, Attraktivität und Sympathie. Nach einer Beleidigung ihres Aufsatzes bestraften Menschen mit hohem Narzissmus in zwei Laborexperimenten mit 260 und 280 Studierenden die Person, die sie beleidigt hatte, besonders stark mit Lärm. In Studie 2 war die Aggression gegen eine unbeteiligte Person insgesamt niedrig und hing weder mit Narzissmus noch mit Selbstwert zusammen. Der Selbstwert spielte auch bei der Aggression gegen die beleidigende Person keine Rolle (Bushman und Baumeister 1998).
Dass diese Menschen nicht wissen, wie andere sie sehen, ließ sich in dieser Recherche nicht belegen. In drei Studien (201, 110 und 274 Personen, darunter Rekruten der US-Luftwaffe) hing Narzissmus mit einem positiveren Selbstbild zusammen (zum Beispiel in Studie 1 mit Extraversion r = 0,43 und Intelligenz r = 0,31). Menschen mit stärker narzisstischen Zügen verstanden, dass andere sie weniger positiv sehen, als sie sich selbst sehen (ihre Einschätzung der Fremdsicht war also weniger verzerrt als ihr Selbstbild), hatten teilweise Einsicht in den nachlassenden ersten Eindruck und beschrieben sich als arrogant (Carlson u. a. 2011). Beim Einfühlen fand eine Metaanalyse mit insgesamt 32.200 Personen bei beiden Formen überwiegend negative, kleine Zusammenhänge mit Empathie, nicht jeder war bedeutsam (Zusammenhänge, keine Ursachen). Grandioser Narzissmus gilt nach Jauk und Kaufman (2018) als gekennzeichnet durch Selbstwichtigkeit, Überlegenheitsgefühle und Ausnutzen anderer, vulnerabler durch Überempfindlichkeit, Abwehrhaltung und Rückzug. Kognitive Empathie ist die Fähigkeit, die Gefühle anderer zu erkennen und zu verstehen, affektive das, was man als Reaktion auf die Gefühle anderer selbst empfindet (Greater Good Science Center). Bei grandiosem Narzissmus lag der Zusammenhang mit affektiver Empathie bei r = −0,251 in Verhaltensmaßen und bei r = −0,145 im Selbstbericht, mit kognitiver Empathie bei r = −0,085 im Selbstbericht und bei r = −0,052 in Verhaltensmaßen, dort nicht bedeutsam. Bei vulnerablem Narzissmus lag er im Selbstbericht bei kognitiver Empathie bei r = −0,179 und bei affektiver bei r = −0,105, in Verhaltensmaßen bei kognitiver Empathie bei r = −0,069, nicht bedeutsam (Urbonaviciute und Hepper 2020; Zahlen nach dem Abstract).
Nicht gefunden wurde eine Untersuchung, die bei Menschen, die andere gezielt reizen, die Selbsteinsicht misst. Ebenfalls nicht gefunden wurde eine Erhebung zum Ablauf aus Reiz, Druck, Ausbruch und Umdeutung als Ganzem (Websuche, keine Fachdatenbank). Wer das Muster beschreibt, beschreibt daher ein Modell aus einzeln untersuchten Teilen.
In der Forschung zu Gewaltausübenden sind Leugnen, Verharmlosen und Beschuldigen gemessen worden. Bei 2.824 verurteilten Männern, die häusliche Gewalt ausgeübt hatten, fand sich wenig Hinweis darauf, dass diese Haltungen mit mehr Rückfällen zusammenhingen (Henning und Holdford 2006). In einer Befragung von 139 Studierenden hingen bei Männern das Verharmlosen des Konflikts und das Beschuldigen der Partnerin oder des Partners mit selbstberichteter Aggression gegen den Intimpartner oder die Intimpartnerin zusammen, bei Frauen nur das Beschuldigen (Scott und Straus 2007). Das Power and Control Wheel des Duluth-Modells führt diese Haltung als eigene Speiche („Minimizing, Denying and Blaming“, auf Deutsch Verharmlosen, Leugnen und Beschuldigen). Es wurde 1982 aus den Erfahrungen misshandelter Frauen in Duluth, Minnesota, entwickelt und ist nach Aussage der Herausgeber keine Theorie, sondern ein Denkwerkzeug (Domestic Abuse Intervention Programs, Herausgeberseite und Entstehungsgeschichte). Untersucht wurden verurteilte Täter und Studierende, die selbst über Aggression gegen Partner oder Partnerinnen berichteten. Auf Menschen, die andere reizen, ohne Gewalt auszuüben, lassen sich die Befunde nicht ohne Weiteres übertragen.
Nach der Kurzfassung eines australischen Forschungsberichts (Nancarrow u. a. 2020) konzentriere sich die Polizeipraxis auf einzelne Vorfälle sichtbarer oder körperlicher Gewalt. Frauen, besonders Frauen der Aboriginal- und Torres-Strait-Islander-Gemeinschaften, würden in Schutzanordnungen als Täterinnen fehlidentifiziert. Täter nutzten Taktiken des Systemmissbrauchs, etwa falsche Anschuldigungen, was zu einer falschen Bestimmung der schutzbedürftigen Person führen könne. Häufigkeiten lassen sich daraus nicht ableiten. Eine Studie zu Zwangskontrolle in England und Wales mahnt, den Begriff der Fehlidentifikation sorgfältig zu verwenden: Der Moment der Fehlidentifikation sei weder einfach noch eindeutig (Barlow und Walklate 2025, nach dem Abstract). Für Österreich wurde dazu in dieser Recherche nichts gefunden.
Aus alldem folgt für dieses Muster kein Urteil über eine Seite. Im Durchschnitt beurteilen sich Menschen günstiger und halten sich für weniger voreingenommen als andere, mit Unterschieden zwischen Kulturen und Personengruppen. Was das für eine einzelne Seite in einem einzelnen Streit heißt, zeigen die Studien nicht. Keine Erzählung belegt sich selbst. Nach der Beratungspraxis (für dieses Muster nicht durch Studien geprüft) findet man Belege außerhalb der Erzählung: Nachrichten, Aufzeichnungen mit Datum und der Verlauf. Wer „fehlende Selbstreflexion“ nur an der anderen Seite sucht, läuft nach dieser Deutung Gefahr, die eigene Sicht für die klare zu halten; dazu passt, dass sich Versuchspersonen in Studien im Durchschnitt für weniger voreingenommen hielten als andere (Pronin u. a. 2002).
Quellen. Titel, Zeitschrift, Band und Seiten stehen, wo sie an der Originalseite gelesen wurden; sonst stehen nur Autoren, Zeitschrift und Jahr.
Provokation, Stress und Selbststeuerung. Dodge & Coie, Social-information-processing factors in reactive and proactive aggression in children's peer groups, Journal of Personality and Social Psychology 53(6), 1146 bis 1158 (1987)
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Leugnen und Beschuldigen, DARVO. Henning & Holdford, Minimization, denial, and victim blaming by batterers: How much does the truth matter?, Criminal Justice and Behavior 33(1), 110 bis 130 (2006) · Scott & Straus, Denial, minimization, partner blaming, and intimate aggression in dating partners, Journal of Interpersonal Violence 22(7), 851 bis 871 (2007) · Domestic Abuse Intervention Programs, The development of the Power and Control and Equality Wheels · Domestic Abuse Intervention Programs, Understanding the Power and Control Wheel (Herausgeberseite, mit der Speiche „Minimizing, Denying and Blaming“)
Häufigkeit und Behörden. Nancarrow, Thomas, Ringland & Modini, Accurately identifying the „person most in need of protection“ in domestic and family violence law: Key findings and future directions (Kurzfassung), ANROWS, Research to policy and practice papers 23/2020 (Kurzfassung und Projektseite gelesen, Volltext nicht abrufbar) · Barlow & Walklate, Who is the victim? Exploring the complexities of misidentification, Criminology & Criminal Justice (2025), Abstract gelesen
Was Menschen berichten und was sich messen lässt: zwei Maße, keine Kurven.
Keine Messkurve. Die Studie (Owenz und Fowers 2019) verglich zwei Maße, die nicht dasselbe erfassen, und fand zwischen ihnen keinen Zusammenhang. Beide sind echt, beantworten aber verschiedene Fragen: wie Menschen ihre Entwicklung erleben und ob sich mit einem getrennten Maß etwas nachweisbar verändert hat.
Eine prospektive Studie (Owenz und Fowers 2019) begleitete 599 Studierende in Paarbeziehungen über zwei Messungen im Abstand von etwa zehn Wochen; hundert von ihnen erlebten in dieser Zeit eine Trennung. Nach der Trennung waren der Leidensdruck und das wahrgenommene Wachstum hoch. Die getrennt gemessene Veränderung hing weder mit dem Leidensdruck noch mit dem wahrgenommenen Wachstum noch damit zusammen, ob überhaupt eine Trennung stattgefunden hatte. Optimismus zu Beginn hing mit dem wahrgenommenen, nicht mit dem gemessenen Wachstum zusammen. Berichtetes Wachstum und gemessene Veränderung sind unterschiedliche Maße; in dieser Studie waren sie nicht miteinander verbunden. (Nach dem Abstract gelesen.)
Das ist kein Grund, das Erleben abzutun. Es zeigt nur, dass sich aus dem berichteten Wachstum nicht ablesen lässt, ob sich auch gemessen etwas verändert hat. Die Studie war kurz und sagt nichts darüber, was in den Monaten und Jahren danach geschieht; dass spätere Veränderung ausbleibt oder dass sie unvermeidlich ist, folgt aus ihr nicht.
Bindungsdimensionen sind mäßig stabil, nicht festgelegt. Der Test-Retest-Zusammenhang liegt bei etwa r = 0,40 und fällt bei längeren Abständen und in früheren Lebensphasen kleiner aus. Das Folgende stammt aus einer Übersicht ohne eigene Daten (Chopik u. a. 2024), die selbst nur wenige, vereinzelte Tests nennt und mehr Untersuchungen mit ursächlicher Aussagekraft fordert. Der Beginn einer Beziehung und positive Erfahrungen in ihr hingen mit mehr Bindungssicherheit zusammen. Nach einem Modell kann das Erreichen eines selbst gesetzten Ziels Gefühle von Autonomie auslösen und so helfen. Bei vermeidend gebundenen Personen ging eine größere Zahl kleiner guter Ereignisse zwischen Partnern mit mehr Sicherheit im Zeitverlauf einher. Ein Arbeitsplatzverlust war in einer Längsschnittstudie mit einem anhaltenden Anstieg der Bindungsangst verbunden, und nach einem berichteten Streit stiegen Angst und Vermeidung.
In Studien zu emotionsfokussierter Paartherapie sanken beide Dimensionen; Zahlen nennt die Übersicht dazu nicht. In einer Längsschnittstudie über vier Monate hing der Wunsch, sicherer zu werden, mit späterer Sicherheit zusammen. Wie groß und wie dauerhaft solche Veränderungen sind, ist nach der Übersicht erst in wenigen Tests geprüft.
Narzissmus nimmt über die Lebensspanne im Mittel ab. Eine Metaanalyse über 51 Längsschnittstichproben mit 37.247 Personen im Alter von acht bis siebenundsiebzig Jahren (Orth u. a. 2024) fand Rückgänge in allen drei Formen; die Werte sind aus kleinen jährlichen Raten auf 69 Jahre hochgerechnet: agentisch d = −0,28, antagonistisch d = −0,41, neurotisch d = −0,55. Das sind kleine bis mittlere Effekte. Die Rangfolge über im Schnitt elf Jahre lag dagegen bei 0,73 (agentisch), 0,68 (antagonistisch) und 0,60 (neurotisch), bei sehr langen Zeitspannen niedriger.
Zusammen gelesen: Im Mittel sinkt das Niveau, während die Position in der Rangfolge weitgehend erhalten bleibt. Das sind Mittelwerte über viele Menschen; aus ihnen lässt sich nicht ablesen, ob oder wann sich ein bestimmter Mensch verändert. Klinische Stichproben (9 von 51) gingen stärker zurück. Die Autoren nennen dafür unter anderem erhöhte Ausgangswerte (Rückkehr zum Mittel) und eine gewisse Erholung; ob eine Behandlung dazu beitrug, wurde nicht untersucht. Die Stichproben stammten überwiegend aus westlichen Ländern und waren bei der ersten Messung im Mittel etwa 23 Jahre alt.
Zentrale Aussagen dieses Kapitels mit ihrem Belegstand. Die Auswahl ist nicht vollständig. Jede Stufe gilt für die Aussage so, wie sie in der Zeile steht, nicht für Erweiterungen, die man daran anschließen könnte. Punktiert unterstrichene Zahlen und Begriffe führen zum Reiter Die Zahlen, wo jeder einzeln erklärt ist.
Ein Muster ist keine Diagnose und niemand stellt eine Diagnose aus der Ferne oder über eine Person, die nicht anwesend ist und gefragt werden könnte.
Das Modell erklärt eine Dynamik. Es entschuldigt kein Verhalten. Kontrolle, Drohungen, Erniedrigung und Gewalt sind kein Bindungsstil und sie werden nicht dadurch beantwortet, dass man sie besser versteht.
Der brauchbare Teil ist nicht, den anderen einzuordnen. Es ist, die eigene Schwelle zu kennen: was eine kurze Antwort mit einem macht und was eine drängende Frage mit einem macht.
Ein Etikett für einen früheren Partner beendet das Nachdenken, statt es anzufangen. Die Frage, die etwas bringt, ist nicht, was der andere war, sondern was man mit dem gemacht hat, was er getan hat.
Quellen. Stand 7. Oktober 2026, ergänzt am 15. Oktober 2026 um die drei Gruppen „Männer und Frauen“, „Bestätigung, Zurückweisung und Selbstwert“ und „Gefühlsregulierung, Kindheit und Herkunft“. Titel, Zeitschrift, Band und Seiten stehen, soweit sie auf einer Verlags-, Datenbank- oder Autorenseite gesehen wurden. Bei einzelnen Quellen stammen Band und Seiten aus den Literaturverzeichnissen anderer Arbeiten oder aus Publikationslisten (Hazan und Shaver: Endseite; Mickelson u. a.; Candel und Turliuc; Li und Chan; Schrodt u. a.; Roisman u. a.; Chopik u. a.; Dutton und Aron 1974); sie sind an der Verlagsseite noch nicht gegengelesen. Wo nur Autoren, Zeitschrift und Jahr stehen, wurden Titel oder Seiten noch nicht gesehen. Bücher und Ratgeberquellen stehen nur, um die Herkunft einer Vorstellung zu zeigen, nie als Beleg. Bei den Ergänzungen vom 15. Oktober 2026 wurde von Grijalva u. a., Weidmann u. a., Twenge und Campbell, Zeigler-Hill u. a. (2008 und 2010), Bosson u. a., Loeffler u. a., Blay u. a., Brummelman u. a., Otway und Vignoles und Cater u. a. nur der Abstract gelesen; von Gebauer u. a., Green und Hart, Green u. a. (2024), Campbell u. a. (2004) und Kealy u. a. lag der Text in einer Verlags-, Autoren- oder Repositoriumsfassung vor.
Bindung. Bowlby, Attachment and Loss (1969 bis 1980) · Ainsworth u. a., Patterns of Attachment (1978) · Hazan & Shaver, Romantic love conceptualized as an attachment process, Journal of Personality and Social Psychology 52(3), 511 bis 524 (1987) · Bartholomew & Horowitz, Attachment styles among young adults: A test of a four-category model, Journal of Personality and Social Psychology 61(2), 226 bis 244 (1991) · Mickelson, Kessler & Shaver, Adult attachment in a nationally representative sample, Journal of Personality and Social Psychology 73(5), 1092 bis 1106 (1997) · Roisman u. a., The Adult Attachment Interview and self-reports of attachment style: An empirical rapprochement, Journal of Personality and Social Psychology 92(4), 678 bis 697 (2007) · Granqvist u. a., Attachment & Human Development 19(6), 534 bis 558 (2017), doi 10.1080/14616734.2017.1354040 (Konsensus-Übersicht zur desorganisierten Bindung im Säuglingsalter) · Candel & Turliuc, Insecure attachment and relationship satisfaction: A meta-analysis of actor and partner associations, Personality and Individual Differences 147, 190 bis 199 (2019) · Li & Chan, How anxious and avoidant attachment affect romantic relationship quality differently: A meta-analytic review, European Journal of Social Psychology 42(4), 406 bis 419 (2012) · Schrodt, Witt & Shimkowski, A meta-analytical review of the demand/withdraw pattern of interaction and its associations with individual, relational, and communicative outcomes, Communication Monographs 81(1), 28 bis 58 (2014) · Chopik, Weidmann & Oh, Attachment security and how to get it, Social and Personality Psychology Compass 18(1), Artikel e12808 (2024)
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Narzissmus: Gefühlsregulierung, Kindheit und Herkunft (ergänzt am 15. Oktober 2026). Loeffler, Huebben, Radke, Habel & Derntl, The association between vulnerable/grandiose narcissism and emotion regulation, Frontiers in Psychology 11, Artikel 519330 (2020) · Blay, Bouteloup, Duarte, Hasler, Pham, Nicastro, Jan, Debbané & Perroud, Association between pathological narcissism and emotion regulation: The role of self-mentalizing?, Personality and Mental Health 18(3), 227 bis 237 (2024) · Brummelman, Thomaes, Nelemans, Orobio de Castro, Overbeek & Bushman, Origins of narcissism in children, Proceedings of the National Academy of Sciences 112(12), 3659 bis 3662 (2015) · Kealy, Hadjipavlou & Ogrodniczuk, On overvaluing parental overvaluation as the origins of narcissism, Proceedings of the National Academy of Sciences 112(23), E2986 (2015) (Leserbrief) · Otway & Vignoles, Narcissism and childhood recollections: A quantitative test of psychoanalytic predictions, Personality and Social Psychology Bulletin 32(1), 104 bis 116 (2006) · Cater, Zeigler-Hill & Vonk, Narcissism and recollections of early life experiences, Personality and Individual Differences 51(8), 935 bis 939 (2011) (Czarna u. a. 2021 steht in der Gruppe oben)
Herkunft von Begriffen (kein Beleg, nicht im Original gelesen). Winnicott, Ego distortion in terms of true and false self (1960) · Kohut, The Analysis of the Self (1971) · Freud, On narcissism: An introduction (1914), in: Standard Edition XIV (1957), 67 bis 102 (gelesen in einer englischen Übersetzung als PDF, nur zur Herkunft des Gedankens vom frühkindlichen Narzissmus) · Fenichel (1938), der Begriff „narcissistic supply“ (Angabe aus einem Lexikonartikel, Titel, Band und Seiten nicht gesehen, nicht im Original gelesen)
Lernen, Erinnerung und Wachstum. Dutton & Painter, Emotional attachments in abusive relationships: A test of traumatic bonding theory, Violence and Victims 8(2), 105 bis 120 (1993) · Dutton & Painter, Traumatic bonding: The development of emotional attachments in battered women and other relationships of intermittent abuse, Victimology 6(1 bis 4), 139 bis 155 (1981) (Theorie, im Text von 1993 so bezeichnet, nicht im Original gelesen) · Dutton & Aron, Some evidence for heightened sexual attraction under conditions of high anxiety, Journal of Personality and Social Psychology 30(4), 510 bis 517 (1974) (mit der im Text genannten Methodenkritik und den gemischten Wiederholungen) · Haselgrove, Aydin & Pearce, Journal of Experimental Psychology: Animal Behavior Processes 30(3), 240 bis 250 (2004) (Ratten, teilweise gegen durchgehende Verstärkung) · Nevin, Behavioural Processes 90(1), 89 bis 97 (2012) (Übersicht, Tauben und Ratten) · Hochman & Erev, Psychonomic Bulletin & Review 20(6), 1336 bis 1342 (2013) · Segers u. a., Frontiers in Psychology 9, Artikel 394 (2018) (97 Kinder von 6 bis 10 Jahren) · Kahneman, Fredrickson, Schreiber & Redelmeier, Psychological Science 4(6), 401 bis 405 (1993) (wenn mehr Schmerz weniger vorgezogen wird; zum höchsten Punkt und zum Ende eines Abschnitts) · Fredrickson & Kahneman, Journal of Personality and Social Psychology 65(1), 45 bis 55 (1993) (Filmclips, die Dauer wirkte kaum) · Alaybek u. a., Organizational Behavior and Human Decision Processes 170, Artikel 104149 (2022) (Metaanalyse mit 174 Effektstärken) · Sels, Ceulemans & Kuppens, European Journal of Social Psychology 49, 794 bis 806 (2019) (101 Paare im Konfliktgespräch) · Zygar-Hoffmann & Schönbrodt, Collabra: Psychology 6(1), Artikel 7 (2020) (zwei Stichproben, N = 130 und 510) · Owenz & Fowers, Perceived post-traumatic growth may not reflect actual positive change: A short-term prospective study of relationship dissolution, Journal of Social and Personal Relationships 36(10), 3098 bis 3116 (2019)
Statistik. Funder & Ozer, Advances in Methods and Practices in Psychological Science 2(2), 156 bis 168 (2019), doi 10.1177/2515245919847202 (Effektstärken in der psychologischen Forschung beurteilen; Quelle der Alltagskorrelationen)
Wortschatz. Der Super-Empath, die goldene Phase, der Treibstoff und die Supernova stammen aus den Selbstveröffentlichungen eines anonymen Autors und aus der Netzgemeinde darum herum; sie werden hier genannt, weil sie verbreitet sind. Als Quelle werden sie bewusst nicht angeführt.
Einmal gelesen und jede Zahl in diesem Kapitel wird lesbar.
Nehmen wir eine der stärkeren Zahlen dieses Kapitels. Vermeidung und Beziehungszufriedenheit hängen mit r = −0,44 zusammen. Das heißt nicht: wer vermeidend ist, ist unzufrieden.
Es heißt: Sie sehen zwei Menschen und wissen nur, wer von beiden der vermeidendere ist. Müssten Sie raten, wer unzufriedener in seiner Beziehung ist, dann lägen Sie bei einem solchen Zusammenhang im Mittel öfter richtig als falsch. Unter der vereinfachenden Annahme, dass beide Größen annähernd normalverteilt sind, wären es knapp zwei von drei Fällen (ein Rechenbeispiel, keine Messung). Nicht immer. Öfter.
Ohne jede Information wären Sie bei fünfzig zu fünfzig. Mit dieser einen Information sind Sie besser dran und Sie liegen trotzdem in einem erheblichen Teil der Fälle daneben. Das ist der Unterschied zwischen einer Wette und einer Regel, und so sind die Korrelationen in diesem Kapitel zu lesen: als Zusammenhang im Durchschnitt, nicht als Regel für den Einzelfall.
Stellen Sie sich hundert Paare vor, die sich in ihrer Zufriedenheit unterscheiden: einige sehr zufrieden, einige gar nicht, die meisten irgendwo dazwischen. Die Frage ist, wie viel von diesen Unterschieden sich statistisch durch eine andere Größe beschreiben lässt.
Bei r = −0,44 gehen im einfachen linearen Modell ungefähr neunzehn von hundert Teilen dieser Unterschiede mit der Vermeidung einher. Die übrigen einundachtzig bleiben in diesem Modell unerklärt. Das heißt nicht, dass sie auf bestimmte andere Ursachen wie Geld, Gesundheit oder Kinder zurückgehen: Sie können von vielem herrühren, das hier nicht gemessen wurde, von Messfehlern und von Zufall.
Das ist keine Kritik an der Zahl. Es ist die Auskunft darüber, wie viel von den Unterschieden dieses einfache Modell beschreibt, wenn man diese eine Größe kennt: ungefähr ein Fünftel. Über Ursachen sagt der Wert nichts, und Funder und Ozer (2019) halten das Quadrieren für die Beurteilung der praktischen Bedeutung eines Zusammenhangs für irreführend.
Zum Einordnen zwei Werte von außerhalb dieses Kapitels (nach Funder und Ozer 2019). Die Wirkung von Aspirin auf das Herzinfarktrisiko entspricht einer Korrelation von etwa 0,03. Das ist sehr wenig und kann trotzdem von Bedeutung sein, weil das Ereignis schwer wiegt und es um sehr viele Menschen geht.
Umgekehrt hängen Körpergröße und Gewicht bei Erwachsenen mit etwa 0,44 zusammen, also im Betrag so stark wie Vermeidung und Zufriedenheit in der Metaanalyse. Trotzdem kennt jeder große dünne und kleine schwere Menschen, und niemand käme auf die Idee, aus der Größe das Gewicht abzulesen.
Beides zusammen ist die eigentliche Lehre. Eine kleine Zahl kann wichtig sein, wenn es um viele Menschen oder um schwere Folgen geht. Auch eine große Zahl erlaubt für den einen Menschen, der vor einem steht, keine sichere Aussage.
Die alte Faustregel stammt von Cohen: 0,10 klein, 0,30 mittel, 0,50 groß. Funder und Ozer (2019) schlagen tiefere Schwellen vor, weil sich in großen, zuverlässig schätzenden Untersuchungen gezeigt hat, wie selten hohe Werte sind: 0,05 sehr klein (für einzelne Ereignisse, auf Dauer aber folgenreich), 0,10 klein, 0,20 mittel (schon kurzfristig nützlich), 0,30 groß; ein Wert ab 0,40 sei bei zuverlässiger Schätzung wahrscheinlich eine grobe Überschätzung.
Je nach Maßstab fällt dieselbe Zahl in eine andere Stufe: Ein r von 0,32 gilt nach Cohen als mittel, nach Funder und Ozer als groß. Was eine Zahl praktisch bedeutet, hängt außerdem von den Folgen und der Zahl der Betroffenen ab. Deshalb trägt die Skala unten den alten Maßstab, daneben stehen zum Vergleich Zahlen aus dem Alltag, die man sich besser vorstellen kann als jedes Wort.
Wichtige Korrelationen aus diesem Kapitel und aus dem Alltag auf einer Skala, dazu der statistisch erklärte Varianzanteil.
Die dunklen Balken stammen aus diesem Kapitel, die hellen aus dem Alltag, damit sich die Zahlen einordnen lassen. Die Länge der Balken zeigt den Betrag von r; das Vorzeichen steht am Wert (ein Minus heißt: Wenn die eine Größe steigt, sinkt die andere). Die gestrichelten Marken sind Cohens alte Faustregel. Die Spalte rechts ist r², der im einfachen linearen Modell statistisch erklärte Varianzanteil; er ist kein Nachweis eines Ursachenanteils. Beachtenswert ist, wo Vermeidung und Zufriedenheit liegt: im Betrag genauso hoch wie Körpergröße und Gewicht bei Erwachsenen. Und ganz oben Aspirin, bei einem sehr kleinen Wert und trotzdem von Bedeutung. Der Wert zu Narzissmus ist die Rangfolgenstabilität des agentischen Narzissmus über im Mittel elf Jahre (Orth u. a. 2024), der zu Bindung über die Zeit der Test-Retest-Zusammenhang, die zu Bindungsangst und Vermeidung sind Zusammenhänge mit der Zufriedenheit. Alltagswerte nach Funder und Ozer (2019).
Wichtige Werte dieses Kapitels an einer Stelle, mit dem Reiter, in dem sie stehen. Die Liste ist nicht vollständig.
Wie häufig die Bindungsmuster sind, nach zwei Verfahren: Zeitungsfragebogen (574 gültige Antworten) und nationale US-Erhebung (59 / 25 / 11 sind zusammen 95 Prozent; der Rest ist aus gerundeten Anteilen abgeleitet). · Die vier Muster
Wie stark Bindungsangst und Vermeidung mit der Zufriedenheit zusammenhängen (Zusammenhang, keine Ursache). · Wer trifft auf wen und Was hält stand
Umfang der Metaanalyse zum Muster aus Fordern und Rückzug; es ging mit schlechteren Beziehungs- und Kommunikationswerten einher (im Mittel |r| = 0,36). · Die Falle
Schätzung der Lebenszeitprävalenz der narzisstischen Persönlichkeitsstörung in einer US-Erhebung (DSM-IV, NESARC Welle 2). Andere Verfahren ergeben andere Werte; die Zahl ist weder eine Obergrenze noch eine aktuelle Häufigkeit. · Narzisst und Empath
Die drei Experimente zur Frage, ob die geringere Empathie bei erhöhten Narzissmuswerten verschwindet, wenn zur Perspektivübernahme angeleitet wird (Hepper u. a. 2014; nichtklinische Stichproben). · Narzisst und Empath
Summe dreier Stichproben (Campbell und Foster 2002, Querschnitt): Die geringere Bindungsbereitschaft bei höherem Narzissmus hing vor allem mit wahrgenommenen Alternativen zusammen. · Narzisst und Empath, Das Dilemma
Mittlere Veränderung des Narzissmus über die Lebensspanne (aus jährlichen Raten auf 69 Jahre hochgerechnet) und Rangfolgenstabilität über im Schnitt elf Jahre (Orth u. a. 2024). · Danach
Mittlerer Zusammenhang zwischen Bindungsinterview und Selbstauskunft (Roisman u. a. 2007; zehn Studien, 961 Personen): Die beiden Verfahren überlappen kaum. · Was hält stand
Test-Retest-Zusammenhang der Bindungsdimensionen: mäßige Stabilität über die Zeit (Chopik u. a. 2024, Übersicht). · Danach und Was hält stand
Personen in den beiden Studien von Kubota u. a. (2014), in denen gestresste Personen Verhalten häufiger dem Charakter zuschrieben (Kältetest im Labor bei 56, selbstberichteter Stress bei 204). · Reaktiver Missbrauch
Studierende in Harsey und Freyd (2023), die erfundene Fälle sexueller Übergriffe beurteilten; nach einer Antwort aus Leugnen, Angreifen und Umkehren galt die Betroffene als weniger glaubwürdig. · Reaktiver Missbrauch
Anteil der empirischen Studien, die Johnsons Typologie laut dem Editorial von Cares u. a. (2024) nicht richtig anwandten (Zahl nach dem Editorial aus einer systematischen Übersicht, in dieser Recherche nicht gelesen). · Reaktiver Missbrauch
Mittlerer Zusammenhang zwischen Selbsteinschätzung und gemessener Leistung über 22 Metaanalysen, Spanne 0,09 bis 0,63 (Zell und Krizan 2014). · Selbstbild und Fremdbild
Höchster Zusammenhang in Vazire (2010): Mittel aus vier Freundesurteilen zur Intelligenz. Ein einzelner Freund kam auf 0,27. · Selbstbild und Fremdbild
Mittlere Stärke des Besser-als-der-Durchschnitt-Effekts über 291 Stichproben mit mehr als 950.000 Teilnehmenden (Zell u. a. 2020). Kein Korrelationswert, andere Skala als r. · Selbstbild und Fremdbild
Größter der im Abstract genannten mittleren Effekte der Handlungs-Beobachter-Asymmetrie über 173 Studien (Malle 2006; Spanne −0,016 bis 0,095). Ebenfalls kein Korrelationswert. · Reaktiver Missbrauch
Zusammenhang von Narzissmus und Selbstüberhöhung insgesamt, bei agentischen und bei gemeinschaftsbezogenen Eigenschaften, korrigiert um die Messungenauigkeit des Narzissmus (Grijalva und Zhang 2016). · Selbstbild und Fremdbild
Zusammenhang von Narzissmus und Aggression insgesamt, nach einer Provokation und ohne Provokation (Kjærvik und Bushman 2021, Metaanalyse mit 437 Studien und 123.043 Personen; nach dem Abstract gelesen). · Narzisst und Empath und Was hält stand
Zusammengefasster Zusammenhang von vulnerablem und von grandiosem Narzissmus mit Ärger über vier Studien (Krizan und Johar 2015). · Narzisst und Empath und Was hält stand
Zusammenhang von vulnerablem Narzissmus mit zwei Teilen der Schamneigung (negative Selbstbewertung, Vermeidung) und von grandiosem Narzissmus (Krizan und Johar 2015, Studie 2, 161 Erwachsene). · Narzisst und Empath
Mittlerer Unterschied zwischen Männern und Frauen (Männer minus Frauen) im Narzissmus insgesamt, bei Anspruchsdenken und Ausnutzen, bei Führung und Autorität, beim Auffallen und bei der Selbstdarstellung und beim vulnerablen Narzissmus (Grijalva u. a. 2015, Metaanalyse mit 355 Stichproben und 470.846 Personen für den Gesamtwert; nach dem Abstract gelesen). · Narzisst und Empath und Was hält stand
Eigene Modellrechnung, nicht aus der Studie: Was d = 0,26 bedeutet, wenn die Werte beider Gruppen annähernd normalverteilt sind und gleich streuen. In rund 57 von 100 zufälligen Paaren (ein Mann, eine Frau) hat der Mann den höheren Wert; die beiden Verteilungen überlappen zu rund 90 Prozent. · Narzisst und Empath
Kinder in der Längsschnittstudie zur Herkunft des kindlichen Narzissmus (Brummelman u. a. 2015): vier Erhebungen im Abstand von sechs Monaten; elterliche Überbewertung sagte späteren Narzissmus voraus, mangelnde Wärme nicht (nach dem Abstract). · Narzisst und Empath und Was hält stand
Unterschied in der Aggression zwischen hohem und niedrigem Anspruchsdenken nach negativer Rückmeldung zu einem Aufsatz (Campbell u. a. 2004, Studie 9; 111 angeworbene Studierende, nach den Freiheitsgraden etwa 107 in der Auswertung); nach positiver Rückmeldung kein Unterschied. · Narzisst und Empath und Was hält stand
Frauen, die schon einmal in einer Partnerschaft waren und jemals Erfahrungen mit psychischer Gewalt in intimen Beziehungen gemacht hatten (Statistik Austria 2022, 6.240 Frauen von 18 bis 74 Jahren, Erhebung Oktober 2020 bis März 2021). Bezugsgröße: Frauen mit Partnerschaftserfahrung, nicht alle Frauen. · Reaktiver Missbrauch
Die wichtigsten Begriffe und Werte dieses Kapitels. Was sie bedeuten und was nicht.
Ein Maß für die Stärke eines linearen Zusammenhangs zwischen zwei Größen. Der Wert liegt zwischen −1 und +1. Bei 0 gibt es keinen linearen Zusammenhang (ein anderer, etwa gekrümmter, wäre damit nicht ausgeschlossen), bei +1 steigen beide gemeinsam, bei −1 steigt die eine, wenn die andere fällt. Das Vorzeichen sagt die Richtung, der Betrag die Stärke. Die Korrelation beschreibt einen Zusammenhang über viele Menschen und erlaubt für einen einzelnen Menschen nur eine unsichere Einschätzung. Das Zeichen ρ (rho) steht hier für denselben Zusammenhang, wenn er aus mehreren Studien zusammengefasst wurde.
Das Quadrat der Korrelation. Im einfachen linearen Modell beschreibt es den statistisch erklärten Anteil der Varianz, also der Unterschiede zwischen Menschen. Es ist kein Nachweis, dass dieser Anteil durch die andere Größe verursacht wird, und der Rest lässt sich nicht einzelnen anderen Ursachen zuordnen. Aus einem r = −0,44 werden 19 Prozent. Funder und Ozer (2019) halten das Quadrieren für die Beurteilung der praktischen Bedeutung für irreführend; zum Vergleich von Modellen ist r² nützlich.
Ein Unterschied zwischen zwei Gruppen oder zwei Zeitpunkten, gemessen in Standardabweichungen. d = 1 heißt, die Gruppen liegen eine volle Streuungsbreite auseinander. Wird verwendet, wenn es um Veränderung geht, nicht um Zusammenhang.
Eine Studie über Studien. Viele Einzelergebnisse werden zusammengerechnet, gewichtet nach ihrer Größe. Das ist stabiler als jede Einzelstudie und erbt zugleich deren Schwächen, vor allem den Publikationsbias: Arbeiten ohne Ergebnis werden seltener veröffentlicht, also sieht der Durchschnitt etwas deutlicher aus, als er ist.
Der Anteil einer Bevölkerung, auf den etwas zutrifft. Punktprävalenz heißt jetzt gerade, Lebenszeitprävalenz heißt irgendwann im Leben. Die zweite Zahl ist mindestens so groß wie die erste, meist größer. Wer sie als Gegenwartszahl liest, überschätzt die aktuelle Häufigkeit. Welche Zahl herauskommt, hängt außerdem vom Verfahren ab.
Wie häufig etwas überhaupt ist, bevor man einen Einzelfall betrachtet. Bei einem seltenen Merkmal und einer groben Beschreibung, die auch auf viele Nichtbetroffene passt, sind unter denen, auf die sie zutrifft, oft mehr Nichtbetroffene als Betroffene. Wie viele, hängt von der Basisrate und von der Trennschärfe der Beschreibung ab; eine niedrige Basisrate allein entscheidet das nicht. Die Basisrate zu übergehen ist ein bekannter Denkfehler beim Etikettieren (Basisratenvernachlässigung).
Ein r, das zwei Zeitpunkte derselben Menschen vergleicht. Es sagt, ob die Reihenfolge erhalten bleibt, nicht ob sich das Niveau ändert. Ein r von 0,40 heißt nicht, dass 40 Prozent der Menschen ihre Position behalten; es beschreibt die Stärke des linearen Zusammenhangs der beiden Messungen. Niveau und Rangfolge können sich unterschiedlich verhalten: Ein Merkmal kann bei allen sinken und die Rangfolge trotzdem weitgehend unverändert lassen. Die Metaanalyse zum Narzissmus über die Lebensspanne (Orth u. a. 2024) fand im Mittel sinkende Werte bei hoher Rangfolgenstabilität.
Prospektiv heißt, es wurde gemessen, bevor das Ereignis eintrat. Retrospektiv heißt, es wurde danach gefragt. Retrospektive Angaben können von dem gefärbt sein, was inzwischen geschehen ist. Prospektive Studien umgehen das, haben aber eigene Grenzen: In der Studie von Owenz und Fowers (2019) wurde das wahrgenommene Wachstum nach der Trennung mit einer getrennt gemessenen Veränderung zwischen zwei Messzeitpunkten verglichen.
Zwei Wege, dasselbe zu erheben. Ein Fragebogen fragt, wie man sich sieht. Ein strukturiertes Interview wertet aus, wie jemand über seine Geschichte spricht, unabhängig davon, was er darüber denkt. In der Bindungsforschung überlappen die beiden Wege wenig (mittleres r = 0,09; Roisman u. a. 2007); deshalb ist die Frage „welcher Bindungstyp bin ich“ ohne Angabe des Messverfahrens nicht eindeutig zu beantworten.
Die Wahrscheinlichkeit, ein mindestens so deutliches Ergebnis zu bekommen, wenn es in Wirklichkeit keinen Zusammenhang gäbe. p unter 0,05 heißt: schwer allein durch Zufall zu erklären. Es sagt nichts über die Größe des Effekts. Bei 71.011 Personen wird fast alles signifikant, auch das Belanglose.
Die Zahl der untersuchten Personen. Groß ist besser als klein, aber die Auswahl ist wichtiger als die Zahl. Eine Befragung in einer Zeitschrift erreicht nur, wer sich angesprochen fühlt und antwortet; eine repräsentative Erhebung zieht die Teilnehmer nach einem Verfahren. Deshalb stehen in diesem Kapitel bei Häufigkeiten immer beide Werte nebeneinander.
Ein Konstrukt ist etwas, das man nicht direkt sehen kann und über Umwege misst, zum Beispiel Bindungsangst. Validität heißt zweierlei: Das Messverfahren erfasst wirklich, was es zu erfassen vorgibt. Und jemand hat das geprüft. Für den Empathen gibt es kein solches Verfahren und darum trägt er in der Belegleiter die Stufe Populäres Modell.
Abkürzung für deny, attack, reverse victim and offender: leugnen, angreifen, Täter und Opfer umkehren. Nach Harsey und Freyd (2023) eine Reaktion von Tätern, die Schuld und Verantwortung abwehren: Sie leugnen ihre Beteiligung, greifen die Glaubwürdigkeit der Betroffenen an und stellen sich selbst als die eigentlichen Opfer dar. Untersucht wurde das vor allem in Vignettenexperimenten mit Studierenden und in Selbstberichten; das lässt keine Aussage über einzelne Fälle zu. Im Deutschen ist der verwandte Begriff Täter-Opfer-Umkehr gebräuchlich.
In der Ratgeberliteratur das gezielte Beschädigen des Rufs eines Menschen bei den Menschen um ihn herum, oft verbunden mit Leugnen. Kein Fachbegriff; eine Studie, die das als solches misst, wurde in dieser Recherche nicht gefunden.
Helfer, die eine Geschichte weitertragen und Druck auf die Person ausüben, über die erzählt wird; nach den geflügelten Affen im Zauberer von Oz. Verwandte Forschungsbegriffe: relationale oder indirekte Aggression.
Eine Frage oder Andeutung senkt den Eindruck von einer Person, obwohl nichts behauptet wird. 2024 repliziert, mit Effekten für Fragen von d = 0,41 bis 0,42 (Letourneau und Gawronski).
Wiederholte Aussagen werden für wahrer gehalten als neue, auch gegen besseres Wissen. Metaanalyse: g = 0,37 über 182 Studien (Ye u. a. 2026).
Negative Rückmeldungen über eigene zentrale Eigenschaften werden schlechter erinnert als dieselben Rückmeldungen über andere; beim Wiedererkennen verschwindet der Unterschied.
Fünf Wege, Schuld zu neutralisieren: Verneinung der Verantwortung, Verneinung des Schadens, Ablehnung des Opfers, Verdammung der Verdammenden, Berufung auf höhere Loyalitäten.
Die feindselige Seite des Narzissmus: Streben nach Überlegenheit, Abwerten anderer, Aggressivität. Ihr Gegenstück, die Bewunderung, will durch Einzigartigkeit und Charme glänzen.
englisch coercive control. Nach dem Text von Stark und Hester (Kopie der akzeptierten Manuskriptfassung) ein Muster aus Zwang, also dem Einsatz von Gewalt oder Drohungen, um eine Reaktion zu erzwingen, sowie Kontrolle, also strukturellen Formen von Entbehrung, Ausbeutung und Befehl, die indirekt Gehorsam erzwingen. Beschrieben wird ein Zustand der Unfreiheit, erlebt als Gefangensein (englisch entrapment). Zwangskontrolle ist nach dem Abstract keine Art von Gewalt. Das ist eine begriffliche Abgrenzung (Einordnung dieses Kapitels): Gemeint ist ein fortgesetztes Muster und nicht eine einzelne körperliche Handlung; psychische, wirtschaftliche und andere Formen von Gewalt oder Kontrolle sind dadurch nicht ausgeschlossen. Nach dem Text enthalten die meisten Fälle körperliche oder sexuelle Angriffe, ein erheblicher Anteil nicht.
Unterscheidung aus der Forschung an Kindern. Nach einem Lexikoneintrag ist reaktiv die wütende, defensive Antwort auf eine wahrgenommene Bedrohung oder Provokation, proaktiv das geplante, zielgerichtete, auf Belohnung ausgerichtete Verhalten.
Die Neigung, aus Verhalten auf dauerhafte Eigenschaften einer Person zu schließen, auch wenn sich das Verhalten vollständig aus der Lage erklären lässt. Eine Tendenz, kein Gesetz, kulturell unterschiedlich stark (Choi u. a. 1999). Ross (1977, zitiert nach Gilbert und Malone) nannte die verwandte Neigung, die Macht der Lage zu unterschätzen, fundamentalen Attributionsfehler.
Eine Form psychischer Gewalt, die Betroffene verrückt erscheinen oder sich so fühlen lassen soll. Sweet (2019, soziologische Theoriebildung auf Grundlage von Interviews) beschreibt am Fall häuslicher Gewalt, wie Täter dafür Geschlechterstereotype und soziale Ungleichheiten nutzen. Der Name stammt von dem Theaterstück Gas Light von Patrick Hamilton (1938) und seinen Verfilmungen (1940, 1944; Britannica).
Die Neigung, sich in Eigenschaften und Fähigkeiten besser einzuschätzen als den Durchschnitt. Im Mittel dz = 0,78 über 291 Stichproben, stärker bei Eigenschaften als bei Fähigkeiten und stärker in europäisch-amerikanischen als in ostasiatischen Stichproben. Ein Durchschnittsbefund, keine Aussage über einzelne Menschen.
Die Neigung, sich selbst für weniger voreingenommen zu halten als andere. In den Studien hielten sich die Versuchspersonen im Mittel für weniger voreingenommen als den durchschnittlichen Amerikaner, Seminarteilnehmende und Flughafenreisende. Aufklärung über die Fehlbarkeit der Innenschau verringerte in einer späteren Studie das Bestreiten eigener Voreingenommenheit (Pronin und Kugler 2007). Ein Anlass, eigene Urteile über andere auch an Belegen außerhalb der eigenen Sicht zu prüfen (Empfehlung dieses Reiters).
Modell, nach dem das Selbst bei schwer beobachtbaren Merkmalen (etwa Ängstlichkeit) besser urteilt und andere bei stark bewerteten Merkmalen (etwa Intelligenz). Im Labor bei 165 Studierenden teilweise gestützt: Nach dem Diskussionsteil (Wiedergabe) waren drei von fünf abgeleiteten Vorhersagen deutlich, zwei nur teilweise gestützt. Der höchste gemessene Zusammenhang lag bei r = 0,36 (Mittel aus vier Freundesurteilen; ein einzelner Freund 0,27).
Wie weit sich Menschen mit ausgeprägt narzisstischen Zügen positiver sehen, als andere sie sehen oder als objektive Maße zeigen. In 36 Studien lag der um die Messungenauigkeit des Narzissmus korrigierte Zusammenhang bei r = 0,21, bei agentischen Eigenschaften (englisch agentic, auf Macht und Leistung bezogen) bei 0,29 und bei gemeinschaftsbezogenen (englisch communal, auf Nähe und Zugehörigkeit bezogen) bei 0,05, dort nicht sicher von null verschieden. Narzissmus ist hier ein Persönlichkeitszug in nichtklinischen Stichproben, keine Diagnose.
Narzissmus, der nicht auf Macht und Auftreten zielt, sondern darauf, als besonders hilfsbereit und gütig zu gelten und dafür bewundert zu werden. Gemessen mit einem Fragebogen aus 16 Aussagen, etwa „Ich bin der hilfsbereiteste Mensch, den ich kenne“. In fünf Studien mit 16 Stichproben (Gelegenheitsstichproben, überwiegend Frauen) unterschieden sich Männer und Frauen in Studie 2 im Fragebogen nicht, obwohl der klassische Narzissmusfragebogen derselben Studie bei Männern höher lag. Ein Persönlichkeitszug in nichtklinischen Stichproben, keine Diagnose.
Zwei Zahlen, die sich aus d berechnen lassen, wenn man Normalverteilungen mit gleicher Streuung annimmt: die Wahrscheinlichkeit, dass in einem zufälligen Paar die Person aus der Gruppe mit dem höheren Mittelwert auch den höheren Wert hat, Φ(d / √2), bei d = 0,26 gerundet 57 Prozent; und der Anteil der gemeinsamen Fläche beider Verteilungen, 2 · Φ(−d / 2), bei d = 0,26 gerundet 90 Prozent. Φ ist die Verteilungsfunktion der Standardnormalverteilung. Die Zahlen stammen nicht aus den Studien und gelten nur, wenn die Annahmen zutreffen; bei Fragebogenwerten tun sie das nur näherungsweise.
Sich in der Erregung aus der Sicht eines Beobachters betrachten („Fliege an der Wand“), statt in die eigene Lage einzutauchen. Sie verminderte in zwei Laborexperimenten den Ärger (Experiment 1) und das aggressive Verhalten (Experiment 2), kurzfristig.